MERICS China Lounge mit dem Mediziner Eckehard Scharfschwerdt

1. Dezember 2016

15 Jahre lang hat der Anästhesist und Notfallmediziner Eckehard Scharfschwerdt in der Provinz Yunnan im Südwesten Chinas praktiziert und gelehrt. Im Juni 2016 kehrte er mit seiner Frau und zwei Kindern nach Süddeutschland zurück. In der China Lounge sprach er mit Kristin Shi-Kupfer, Leiterin des Forschungsbereichs Politik, Gesellschaft, Medien am MERICS, über seine Arbeit in China und das ländliche Gesundheitswesen – und gab persönliche Einblicke in das Leben in der Provinz Yunnan. Rund 50 Gäste kamen zu der Veranstaltung.

Von einer christlichen Hongkonger Nichtregierungsorganisation wurde Scharfschwerdt 2001 ins ländliche Yunnan entsandt. Zuvor hatte er in Singapur und der Provinzhauptstadt Kunming ein intensives Sprachstudium absolviert. Scharfschwerdt half in mehreren Krankenhäusern, Abteilungen für Anästhesie aufzubauen. In Zusammenarbeit mit chinesischen Gesundheitsämtern organisierte er medizinische Weiterbildungen für Ärzte und Krankenschwestern, schulte Dorfärzte in der Versorgung von Notfallpatienten und Geburtshilfe.

Drei Jahre verbrachte Scharfschwerdt im Autonomen Bezirk Honghe im Süden der Provinz. In der dort lebenden Volksgruppe der Hani begegnete ihm eine stark animistisch geprägte Vorstellung von Krankheit und Gesundheit. Ältere Dorfbewohner suchten mitunter zuerst einen Schamanen auf, ehe sie in die Klinik kamen, erzählte er.

Die Verbesserung der ländlichen Gesundheitsversorgung in den letzten Jahren sei bemerkenswert, so Scharfschwerdt. So seien selbst auf Kreisebene neue Krankenhausgebäude errichtet worden, die mit medizinischen Geräten auf dem letzten Stand ausgestattet sind. Die wichtigste Errungenschaft sieht er jedoch nicht im Ausbau medizinischer Infrastruktur, sondern in der neuen kooperativen Krankenversicherung. Die Patientenzahlen in den Krankenhäusern, in denen er tätig war, hätten sich ab 2006 verdreifacht. Schwere Krankheit sei jedoch immer noch der Hauptgrund für Verarmung. 

Neben seiner Arbeit im Krankenhaus war Scharfschwerdt an Entwicklungsprojekten in Viehzucht, Wasser- und Energieversorgung beteiligt, er half etwa beim Bau von Zisternen und Bio-Gas-Anlagen in entlegenen Dörfern. Zudem unterrichtete er Englisch.

Das Leben im ländlichen China gefiel Scharfschwerdt und seiner Familie sehr gut. Über all die Jahre seien „über große kulturelle Unterschiede, Sprache, Alter, Hintergrund, Ausbildung hinweg“ viele Freundschaften entstanden. Den Zugang zur Gesellschaft ermöglichten vor allem die beiden Kinder, die einen chinesischen Kindergarten und eine chinesische Schule besuchten. Als Exoten galten die Scharfschwerdts dennoch, sogar das Lokalfernsehen stattete der Familie einen Besuch ab. „Alle im Tal wussten, wie unser Wohnzimmer aussieht“, so Scharfschwerdt.

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