Was Berlin und Beijing gemeinsam anstoßen können

China ist im Fußball-Fieber. Schon im kommenden Jahrzehnt soll das Land, so plant es Staats- und Parteichef Xi Jinping, in den Kreis der großen Sportmächte aufschließen. Bei seinem ehrgeizigen Plan setzt Fußballfan Xi auch auf deutsche Expertise. 2016 verabschiedeten Beijing und Berlin auf Regierungsebene eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit beim Fußball. Die beiden Länder wollen künftig unter anderem in der Trainer- und Schiedsrichterausbildung kooperieren. Zugleich wird China für deutsche Top-Vereine immer mehr zum interessanten Markt.

Welche Chancen und Herausforderungen bringt die Zusammenarbeit mit China für den deutschen Fußball? Darüber sprach Kristin Shi-Kupfer, Leiterin des Forschungsbereichs Politik, Gesellschaft und Medien am MERICS mit Carsten Cramer von Borussia Dortmund (BVB). Cramer ist dort seit 2010 Direktor für die Bereiche Vertrieb, Marketing und Business Development sowie Geschäftsführer der Merchandising GmbH. Er hat das Engagement der Borussia in China und Asien aufgebaut und seitdem begleitet. 80 Zuhörer waren zur China Lounge ins MERICS gekommen.

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Chinas ambitionierte Fußball-Ziele

2016 hat die chinesische Regierung eine Fußball-Strategie vorgelegt: Bis 2025 sollen 50.000 neue Fußballschulen entstehen, 50 Millionen Chinesen sollen dann aktiv Fußball spielen. Ein ehrgeiziger Plan. Eine der wichtigsten Voraussetzungen sieht Cramer aber bereits gegeben: „Es besteht ein enormes Interesse am Fußball, vor allem in der jüngeren Generation.“ Dennoch sind  die  Herausforderungen gewaltig: Der Fußball in China sei bei weitem nicht so stark in der Gesellschaft verankert wie etwa in Deutschland, sagt Cramer. „Es mangelt an der nötigen Infrastruktur, insbesondere in Form von Fußballplätzen. Zudem muss die Vermittlung von Fußball professionalisiert werden, auch Trainer müssen ihr Handwerk z.B. durch Fortbildungen lernen. Wichtig ist auch ein intensiver Spielbetrieb, nicht nur auf Vereins-,  sondern auch auf Schulebene.“ So etwas aufzubauen, geht nicht von heute auf morgen. Die Pläne der chinesischen Regierung bewertet Cramer daher positiv: „In einem so großen Land wie China braucht es Entwicklungsimpulse von oben.“

Chancen für deutsch-chinesische Vereinspartnerschaften

In der Kooperation mit China sieht Cramer große Chancen. Fußball-Deutschland habe China bei der Nachwuchsförderung, der Spieler- und Trainerausbildung und der Entwicklung von Infrastruktur und Wettbewerb viel anzubieten. „Der deutsche Fußball genießt zurecht einen sehr guten Ruf und profitiert vor allem auch in China vom Qualitätssiegel „Made in Germany“.“ Die Kooperationsvereinbarung auf Regierungsebene gebe deutschen Vereinen bei ihrem Engagement in China zusätzlichen Rückenwind und erleichtere die langfristige Planung.

 Allerdings sei letztlich die praktische Arbeit einzelner Clubs erfolgsentscheidend, so Cramer. Der BVB wird demnächst ein Büro in Shanghai eröffnen, Bayern München machte es im März bereits vor. Zudem ging Dortmund Ende August eine zunächst auf fünf Jahre befristete  Partnerschaft mit Shandong Luneng ein. Der chinesische Erstliga-Verein wird seit 2016 von Felix Magath, dem ehemaligen Meistercoach von Bayern München trainiert.

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„Unsere Vereinspartnerschaft zielt nicht auf kurzfristigen Profit ab, sie bildet vielmehr eine Basis, um langfristig im wichtigen chinesischen Markt Fuß zu fassen“, betont Cramer. Borussia Dortmund habe gezielt nach einem Verein gesucht, der gemeinsame Anknüpfungspunkte biete. Ähnlich wie der BVB stehe Shandong Luneng in China für eine lange Tradition und setze einen Fokus auf die Jugendarbeit. „Entscheidend für eine erfolgreiche Internationalisierung eines Vereins ist seine Fähigkeit, die Menschen vor Ort zu begeistern. Dafür bedarf es vor allem Glaubwürdigkeit.“ 

Laut Cramer zahle sich die Vereinspartnerschaft nicht nur für den BVB aus, der auf steigende Anhängerzahlen im chinesischen Markt und Umsatzsteigerungen bei Merchandise-Produkten hofft. Die positiven Effekte seien vielschichtiger: Der Bundesliga kämen Mehreinnahmen aus dem Verkauf von TV-Rechten zugute, während auch die Stadt Dortmund und das Land Nordrhein-Westfalen in ihrem Ansehen profitierten. 

Unterschätzen deutsche Vereine die Risiken eines Engagements in China? 

Die Kritik, dass deutsche Vereine mit ihrem Engagement in China eins autoritären Regimes unterstützten, hält Cramer für unbegründet. Fußball wirke sich positiv auf eine Gesellschaft aus und leistet einen Beitrag zum zwischenmenschlichen Miteinander, betonte er. Die Sorge vieler Fans, dass sich Vereine durch ihr Auslandsengagement zunehmend vom lokalen Kontext entfremden, kann der BVB-Marketing-Chef hingegen teilweise nachvollziehen. „Die Internationalisierung eines Vereins muss mit Augenmaß stattfinden und kann immer nur ergänzendes Element sein.“ Viel Kritik gab es beispielsweise daran, dass die chinesische U20-Auswahl ab dieser Saison gegen Teams der Regionalliga Südwest spielt – allerdings außer Konkurrenz. Cramer bewertet das Arrangement grundsätzlich als unproblematisch. Er mahnt aber an, dass die Vereine und Verbände die örtlichen Fans mit derlei Maßnahmen nicht überstrapazieren dürften und eine feinfühlige Kommunikation umso wichtiger sei.