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MERICS-Analyse: Es gibt erheblichen Nachholbedarf

China ist für Deutschland in den vergangenen Jahren immer bedeutender geworden: Das Land ist mehr als nur ein wichtiger Handelspartner, es tritt zunehmend  selbstbewusst auf dem internationalen Parkett auf. China und Deutschland unterhalten auf vielen Ebenen enge Kontakte und sind in wachsendem Maße voneinander abhängig. Chinesische Akteure beeindrucken – auch im persönlichen Austausch – immer wieder durch vertieftes Wissen über ihre deutschen Partner, das hiesige Regierungssystem, die Gesellschaft, Kultur und nicht zuletzt häufig exzellente Sprachkenntnisse. China versucht seit geraumer Zeit verstärkt, durch geschickte Einflussnahme auf politische und wirtschaftliche Eliten, Medien, Zivilgesellschaft und Bildungsträger in anderen Ländern, Akzeptanz für sein autoritär geprägtes System zu schaffen.

Der Umgang mit einem strategisch so gut aufgestellten Partner verlangt nach eingehendem, differenziertem China-Wissen. Nur wer das Gegenüber kennt, kann in den Dialog klare und sachliche Argumente einbringen. Doch im Bereich der China-Kompetenz der Deutschen gibt es erheblichen Nachholbedarf, wie eine aktuelle Publikation des Mercator Instituts für Chinastudien (MERICS) mit dem Titel China kennen, China können herausarbeitet, die am Montag (7.5.) auf einer Fachveranstaltung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) offiziell vorgestellt wird.

Der Analyse zufolge ist China – trotz der rapide gestiegenen Bedeutung des Landes – für die elf Millionen Schüler in Deutschland weiterhin ein Randthema im Unterricht. Auch der chinesische Sprachunterricht an Schulen könnte ausgebaut werden: Zwar hat sich das Fach Chinesisch in den vergangenen 20 Jahren vom Zusatzangebot vielerorts zum festen Bestandteil des Regelunterrichts entwickelt. Doch die Zahl der Schüler, die sich der herausfordernden Sprache stellen, stagniert seit einiger Zeit bei etwa 5000 pro Jahr. Andere EU-Staaten gehen da aktiver vor, in Frankreich zum Beispiel lernen rund 38.000 Schüler Chinesisch. An den Hochschulen sank zuletzt die Zahl derjenigen, die sich für ein Sinologie-Studium entscheiden: Sie lag im Wintersemester 2016/17 bei 484.

Für die vom BMBF finanziell geförderte und dem Auswärtigen Amt (AA) unterstützte Untersuchung befragten Matthias Stepan, Projektleiter der Untersuchung und Leiter des Programms Innenpolitik am MERICS, und die MERICS-Forscherinnen Andrea Frenzel, Jaqueline Ives und Marie Hoffmann seit dem Herbst 2017 mehr als 50 Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und gesellschaftlichen Verbänden, die in ihrer Tätigkeit mit China in Berührung kommen, zum Bedarf an China-Kompetenz. In Hintergrundgesprächen und durch eingehende Datenanalyse erhoben sie, welchen Stellenwert das Thema China an allgemein- und berufsbildenden Schulen hat, welche Hochschulen China-bezogene Studiengänge anbieten oder über zahlreiche Kooperationen mit dem Land verfügen.

In Gesprächen mit Bildungsexperten und Lehrkräften sowie durch die Analyse von Lehr- und Studienplänen verschafften sich die MERICS-Forscher zudem ein Bild des Stands des Chinesisch-Unterrichts an Schulen und an Hochschulen. Ein weiterer Schwerpunkt war die deutsch-chinesische Forschungskooperation, die in den vergangenen Jahren intensiviert wurde.

Das zentrale Fazit der Untersuchung, die laut Untertitel „Ausgangspunkte für den Ausbau von China-Kompetenz in Deutschland“ liefern will: Bestehende Angebote zum Aufbau von China-Wissen an Schulen, Hochschulen und durch Aufenthalte im Land müssen ausgebaut und stärker staatlich flankiert werden. Und: Angebote zum Erwerb von China-Kompetenz und Sprache sollten so früh wie möglich auf dem Bildungsweg gemacht werden. Denn in einem Fachstudium oder dem Beruf fehlt vielen die Zeit, sich dem Thema China zu widmen. „Wir müssen in Deutschland den Kenntnisstand über China konsequent anheben, damit dieser dem Stellenwert der deutsch-chinesischen Kooperation gerecht wird“, sagt Stepan. Das China-Bild der Deutschen sei heute noch häufig von überholten Vorstellungen und Klischees geprägt.

Auch die Zahl derjenigen, die sich für andere Studienangebote mit China-Schwerpunkt oder einen Aufenthalt von mehr als einem Semester entscheiden, stagniert. Attraktiv für Studierende sind Abschlüsse, die in Deutschland und China anerkannt würden. Doch hier fehlen den Hochschulen oft die Informationen und Möglichkeiten, geeignete chinesische Partner zu finden. Die MERICS-Forscher empfehlen eine stärkere finanzielle Förderung und politische Unterstützung des Staates für in der Qualität hochwertige Doppelabschluss-Programme.

Auf Forscher übt China ebenfalls Anziehungskraft aus: Mehr als 700 deutsche Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen gingen 2015 – neuere Zahlen lagen nicht vor – nach China. Doch ob eine Zusammenarbeit mit chinesischen Forschungsinstitutionen gelingt, hängt immer noch stark von individuellem Engagement und den jeweiligen Kenntnissen über das chinesische Forschungs- und Hochschulsystem ab. Fundiertes Wissen der Beteiligten über Strukturen, rechtliche Bedingungen und Gepflogenheiten in China ist in der Forschungskooperation ebenso essentiell wie in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Dachorganisationen wie der Deutsche Akademische Austauschdienst und die Deutsche Forschungsgemeinschaft dienen derzeit als Anlaufstelle für Forscher, die Kontakt zu China suchen. Wünschenswert wären, so eine Empfehlung der MERICS-Untersuchung, eine stärker übergeordnete Koordination und regelmäßiger Informationsaustausch über Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit China.

Ganz gleich, auf welcher Ebene der Austausch mit China erfolgt: Für eine konstruktive Zusammenarbeit wird künftig ein größeres Reservoir an Experten gebraucht, um verschiedene Wissensfelder über China abzudecken. Auch in der Breite der Bevölkerung muss bei der China-Kompetenz nachgelegt werden. Folgende zentrale Handlungsempfehlungen stellen die MERICS-Forscher zur Diskussion:
 

  • Die Berührung mit der chinesischen Sprache sollte möglichst früh erfolgen, um Hemmschwellen abzubauen und differenzierten Zugang zu China zu ermöglichen.
     
  • Austausch und Partnerschaften mit China müssen gestärkt und staatlich besser finanziell gefördert werden, um Verständnis und Lernmotivation zu fördern.
     
  • Visabedingungen müssen auf beiden Seiten verbessert werden, um die Mobilität in Austauschprogrammen und anderen Kooperationen zu erhöhen.
     
  • Für Bildungsangebote zu China und Chinesisch müssen staatliche deutsche Stellen maßgeblich zuständig sein. Angebote von chinesischer Seite, etwa durch die von der chinesischen Regierung finanzierten Konfuzius-Institute, können nur Ergänzung sein.
     
  • Eine unabhängige Service-Stelle „China-Kompetenz“ könnte dazu beitragen, in verschiedenen Bereichen vorhandene China-Expertise systematisch zu vernetzen und zu bündeln.


Sie können die Executive Summary der Untersuchung hier online lesen. Die PDF-Version der kompletten Analyse finden Sie hier.

 

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