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Das Börsenjahr 2016 hat in China mit einem Beben begonnen. Bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage wurde heute der Handel ausgesetzt, nachdem die Kurse um sieben Prozent einbrachen. Daraufhin war der neue automatische Schutzmechanismus der chinesischen Börse zum Zuge gekommen. Anleger und Investoren in China sind stark verunsichert.

Fragen an Prof. Dr. Sebastian Heilmann, Direktor des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin.

Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen?

Chinas Börse ist kaputt. Chinas Aktienmärkte galten zwar stets als Kasino. Doch selbst für Spekulanten sind sie heute zu gefährlich. Die wirtschaftspolitische Kompetenz der Regierung ist durch die wiederkehrenden Börsenabstürze nun unabweisbar beschädigt: Die Bemühungen der Regierung seit dem Sommer 2015, die Börse regulatorisch und mit Hilfe gewaltiger Finanzspritzen in den Griff zu bekommen, sind gescheitert. Gleichzeitig zeigen auch andere Wirtschaftsindikatoren, dass Maßnahmen der Regierung zur wirtschaftlichen Stimulierung bislang nicht so greifen wie erhofft. 

Welche Rolle spielen die neuen Börsenregeln zur Aussetzung des Handels und die Beschränkungen für Aktienverkäufe durch Großaktionäre?

Die neuen Börsenregeln zur Aussetzung des Handels im Falle überdurchschnittlicher Kursverluste haben den Verkaufsdruck akut beschleunigt. Vor allem aber die  für den 8. Januar 2016 angekündigte Aufhebung der „Verkaufsverbote“ für Großaktionäre hat den Absturz ausgelöst. Die politische Setzung von Fristen entgegen der Marktdynamik hatte sehr negative Folgen: Groß- und Kleinanleger wollten die Kursgewinne aus den letzten Monaten des Jahres 2015 mitnehmen. Sie verkauften deshalb zum frühestmöglichen Zeitpunkt im neuen Handelsjahr, bevor die Aufhebung der Sperrfrist für Großaktionäre eine womöglich drastische Marktkorrektur auslösen wird. 

Was bedeutet der Börsencrash für die chinesische Realwirtschaft, die zunehmend schwächelt?

Der Zustand von Chinas Börsen hat nie direkt die Entwicklung der Realwirtschaft widergespiegelt. Aber die chinesische Regierung wollte sie verstärkt als Instrument der Kapitalaufnahme – auch für hoch verschuldete chinesische Staatsunternehmen – nutzen. Wenn nach den Banken nun auch die Börse nicht mehr als Kapitalquelle in Frage kommt, wird sich dies unmittelbar negativ auf die Wirtschaftsentwicklung auswirken. 

Was müsste denn passieren, um die Börse wiederzubeleben?

Vertrauen unter Anlegern wird erst dann wieder zu gewinnen sein, wenn alle börsennotierten Firmen erweiterten  Berichts- und Offenlegungspflichten unterzogen werden und auf dieser Basis eine Neubewertung oder gar einen Rückzug von der Börse durchlaufen. Mit punktuellen regulatorischen Eingriffen wird der Vertrauensverlust nicht zu reparieren sein. Die chinesische Regierung muss die Börse und börsennotierte Unternehmen völlig neuen Regeln unterstellen. Da die Regierung aber die Kontrolle über die Börse behalten will, sind derart weitreichende Schritte unwahrscheinlich. 

Wie wird sich die dramatische Entwicklung politisch auswirken?

Es wird politische Bauernopfer geben. Ich rechne mit personellen Konsequenzen in der Wertpapieraufsicht und womöglich bis in die höchsten Ränge der Wirtschaftspolitik hinein. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ein enger Vertrauter von Partei- und Staatschef Xi Jinping die Leitung der Wertpapieraufsicht übernehmen wird. Der Markt wird sich dadurch jedoch nicht dauerhaft beruhigen lassen. Auch kann die Börsenerschütterung zu einer innenpolitischen Destabilisierung beitragen. Der sichtbare Kontrollverlust in der Wirtschaftspolitik und die vergrößerten Risiken für staatstragende Schichten, die infolge  der wirtschaftlichen Verlangsamung und Unsicherheit viel zu verlieren haben, bilden eine gefährliche Mischung.  

Worauf müssen sich deutsche Investoren und Unternehmer einstellen?

Ich rechne mit stark rückläufiger Investitionstätigkeit in China und auch in Deutschland. Denn Engagements in China werden immer unsicherer. Insbesondere Deutschlands Automobil-, Maschinenbau- und Chemie-Industrien sind durch negative Entwicklungen in China verwundbar.

Chinas Wirtschaft steckt mitten in einem tiefgreifenden Umbruch. Es verdichten sich die Anzeichen, dass mit einem deutlichen Einbruch des Wirtschaftswachstums in den nächsten Jahren zu rechnen ist. Da China in den letzten zehn Jahren als Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft diente, wird jeder Einbruch in China auch die Handelspartner und Investoren in Mitleidenschaft ziehen, die in der jüngsten Vergangenheit vom China-Boom profitiert hatten.

Die Schwierigkeiten im chinesischen Markt bringen allerdings auch Chancen für den Standort Deutschland mit sich: Die verschlechterten Investitionsbedingungen und die wirtschaftliche Ungewissheit in China machen deutsche Investitionsziele attraktiv. Deutsche Unternehmen, Immobilienmärkte und Start-up-Standorte könnten für chinesische Investoren eine wichtige Option werden. Insgesamt rechne ich mit einem beschleunigten Kapitalabfluss aus China heraus und einer verstärkten Suche nach Investitionschancen im Ausland durch chinesische Kapitalgeber.  

 

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