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Marktregulierung mit Hilfe von Big Data hat weitreichende Folgen für Unternehmen in China
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Zentrale Befunde und Schlussfolgerungen

  • Mit dem Gesellschaftlichen Bonitätssystem arbeitet China an einer vollkommen neuen Anwendung von Big Data: Es soll das Verhalten von Marktteilnehmern umfassender überwachen, bewerten und kontrollieren als alle bisher bekannten Systeme zur Bewertung der Kreditwürdigkeit. Eine erfolgreiche Umsetzung wird die chinesische Regierung stärken und sie in die Lage versetzen, den Markt zielgerichtet und subtil zu regulieren und zu steuern.
  • Chinas Gesellschaftliches Bonitätssystems wird mit hohem Tempo umgesetzt, seine Einrichtung gilt als Vorzeigeprojekt für eine zentral von oben gesteuerte Politikgestaltung. In den vergangenen zwei Jahren sind die wichtigsten Datenplattformen des Systems zum Speichern und Austausch von Daten eingerichtet worden. Staatliche Stellen und kommerzielle Bonitätsbewertungsagenturen haben mit deren Verarbeitung und Auswertung begonnen. Trotz bürokratischer und technischer Hürden sollen die Grundstrukturen des Systems bis 2020 stehen.
  • Oberstes Ziel ist es, automatisierte Mechanismen zur Wirtschaftslenkung einzurichten. Mit Hilfe fortschrittlicher Technologien zur Sammlung und Auswertung großer Datenmengen soll das Verhalten von Unternehmen ständig überwacht und ausgewertet werden. Automatisch vergebene und laufend aktualisierte Bonitätsbewertungen werden sich unmittelbar auf die Geschäftschancen von Unternehmen auswirken. Marktinterventionen staatlicher Stellen können sich so auf das Festlegen von Regeln, Standards und Algorithmen für das System beschränken. Sichtbare staatliche Eingriffe in Marktprozesse werden dadurch auf ein Minimum begrenzt.
  • Das Gesellschaftliche Bonitätssystem bietet Unternehmen Anreize, Entscheidungen nicht nur im Einklang mit staatlichen Gesetzen und Vorschriften zu treffen, sondern auch in Übereinstimmung mit industriepolitischen und technologischen Vorgaben der Regierung. Ausländische Unternehmen, die auf dem chinesischen Markt tätig sind, sollen in das System integriert und genauso behandelt werden wie einheimische. Den industriepolitischen Vorgaben der chinesischen Führung werden sie dann in vollem Umfang ausgesetzt sein.
  • Das System könnte Transparenz und Vertrauenswürdigkeit stärken sowie das sozial- und umweltverantwortliche Verhalten von Unternehmen fördern. Andererseits ist es anfällig für fehlerhafte Technologien, Datenmanipulationen und politisch motivierte, einseitig ausgerichtete Investitionen. Auf diese Weise wird der Spielraum für unabhängige unternehmerische Entscheidungen und nicht-konforme, innovative Geschäftsmodelle eingeschränkt. Zugleich stellt das System ein permanentes Risiko für den Schutz unternehmenseigener Daten dar.
  • Unternehmen dürfen die schnelle Umsetzung des Systems und dessen Auswirkungen auf ihre Tätigkeit in und mit China nicht unterschätzen. Sie sollten die konkreten Pläne eingehend prüfen und deren Folgen für ihre jeweiligen Geschäftsfelder analysieren. Wirtschaftsdiplomatie und Wirtschaftsverbände sollten Strategien entwickeln, um die Umsetzung des neuen Bonitätssystems mitzugestalten und auf diese Weise potenzielle Risiken begrenzen zu können.
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Chinas Griff nach Unternehmensdaten

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Ziel:

Einführung neuer Instrumente zur Überwachung und Regulierung des Marktverhaltens

Unter dem Schlagwort „Gesellschaftliches Bonitätssystem“ setzt China zurzeit einen neuen und sehr innovativen Ansatz zur Überwachung, Bewertung und Regulierung des Verhaltens von Marktteilnehmern um. Das Gesellschaftliche Bonitätssystem wird sich auf das Verhalten von Privatpersonen, Unternehmen und anderen Institutionen wie Nichtregierungsorganisationen (NGOs) erheblich auswirken. Zwar gilt die internationale Aufmerksamkeit bislang vor allem den möglichen Auswirkungen des Systems auf Privatpersonen. Doch die Hauptmotivation hinter dem Gesellschaftlichen Bonitätssystem ist eine andere: nämlich das Verhalten von Marktteilnehmern effektiver zu steuern.1 Das Gesellschaftliche Bonitätssystem geht weit über Systeme zur Erhebung der Kreditwürdigkeit in Europa oder den Vereinigten Staaten hinaus, indem es die Bonitätsbewertungen auf die Bereiche Soziales, Umwelt und Politik ausweitet. Beim Gesellschaftlichen Bonitätssystem erhält ein Unternehmen nicht nur eine niedrigere Bonitätsbewertung, wenn es seine Kredite nicht rechtzeitig zurückbezahlt, sondern auch dann, wenn es Emissionsvorgaben, Arbeitsschutznormen oder staatliche Investitionsvorschriften nicht einhält oder Produkte, die über Internethandelsplattformen bestellt wurden, nicht rechtzeitig ausliefert. Schlechte Bewertungen können folgende negative Folgen haben:

  • schlechtere Bedingungen für die Aufnahme eines neuen Kredits

  • höheres Steuerniveau im Vergleich zu regelkonformen Konkurrenten

  • keine Erlaubnis, Anleihen zu emittieren oder in börsennotierten Unternehmen anzulegen

  • geringere Chancen, an öffentlich geförderten Projekten teilzunehmen

  • verpflichtende staatliche Genehmigungen für Investitionen, selbst wenn diese in Branchen erfolgen, in denen der Marktzugang normalerweise nicht reguliert ist.

In gravierenden Fällen könnten die Online-Handelskonten des betreffenden Unternehmens sogar gesperrt und die individuellen Bonitätsbewertungen von Mitgliedern der Geschäftsführung herabgesetzt werden. Dies könnte zur Folge haben, dass ein Unternehmensmanager keine Fahrkarten mehr für Hochgeschwindigkeitszüge oder Tickets für internationale Geschäftsflüge erhält. Demgegenüber kann ein absolut regelkonformes Unternehmen in den Genuss folgender Vorteile kommen:

  • Zugang zu einem weitgehend offenen chinesischen Markt mit zahlreichen Investitionsmöglichkeiten

  • geringe Steuerbelastung

  • gute Kreditbedingungen

  • großzügige Unterstützung durch staatliche Anreizmechanismen

 

1.1 Grundkonzept: Selbstbeschränkung von Unternehmen

Bei erfolgreicher Umsetzung des Gesellschaftlichen Bonitätssystems und der damit verbundenen Mechanismen durch die chinesische Regierung werden die Marktaktivitäten von Unternehmen vollkommen automatisch reguliert: Mit Hilfe fortschrittlicher Big-Data-Technologien soll das System das Verhalten von Unternehmen ständig überwachen und auswerten. Automatisch vergebene und laufend aktualisierte Bonitätsbewertungen werden sich unmittelbar auf die Geschäftschancen auswirken. Dies schafft für Unternehmen einen starken Anreiz, ihre unternehmerischen Entscheidungen nicht nur im Einklang mit staatlichen Gesetzen und Vorschriften, sondern auch in Übereinstimmung mit den von der chinesischen Regierung festgelegten industriepolitischen und technologischen Zielen zu treffen. Beijing bezeichnet dies als „Selbsteinschränkung von Unternehmen” (企业自我约束).2

 

1.2. Kernstück des Systems: Riesige Datensammlung 

Kernstück des Gesellschaftlichen Bonitätssystems ist die massenhafte Erhebung von Daten über Unternehmen, die dann bewertet werden. Ziel der chinesischen Regierung ist die Aufnahme von allgemeinen Unternehmensdaten, von Informationen über die Einhaltung staatlicher Vorschriften und, soweit möglich, von Echtzeitdaten zum Unternehmensverhalten. Letztlich soll das Gesellschaftliche Bonitätssystem Daten der Zentralregierung, Regierungen auf Provinz- und Kommunalebene sowie von Branchenverbänden und gewerblichen Ratingagenturen integrieren. Die Daten werden auf einer Plattform zusammengeführt, die von der Zentralregierung kontrolliert wird. Angesichts der extrem schnellen Digitalisierung in China erscheint das zukünftige Potenzial einer Datenerhebung durch Echtzeitüberwachung nahezu unbegrenzt: das Gesellschaftliche Bonitätssystem könnte über Internethandelsplattformen Daten über die Vertrauenswürdigkeit von Unternehmen bei Onlinegeschäften erhalten, zum Beispiel hinsichtlich Zahlungsverhalten, Lieferung, Produktqualität und Kundenzufriedenheit. Vor allem für Unternehmen, die in der Automobil-, Transport- und Logistikbranche tätig sind, kann die Echtzeitüberwachung von Autos über Verkehrssysteme und On-Board Units zur Grundlage für ihre zukünftigen Bonitätsbewertungen werden. Dies betrifft nicht nur Daten zum Verhalten von Berufsfahrern, sondern auch Emissionswerte sowie Informationen über die technische Leistungsfähigkeit eines Autos. In umweltverschmutzenden Branchen will die Regierung zum einen die Einhaltung von Umweltvorschriften mit Hilfe von in Echtzeit erhobenen Emissionsdaten prüfen, die über Sensorsysteme in Fabrikschloten geliefert werden. Zum anderen soll mit Hilfe intelligenter Zähler der Energieverbrauch gemessen werden. Die Anwendung von Echtzeit-Überwachungssystemen wird bereits in Pilotprojekten getestet. Sollten sich diese als erfolgreich erweisen, kann das Gesellschaftliche Bonitätssystem unverzüglich und automatisch auf das Fehlverhalten eines Unternehmens reagieren: eine niedrigere Bewertung und damit verbundene Strafen könnten innerhalb von Sekunden erfolgen, als Reaktion auf einen erheblichen Zahlungsverzug im Internethandel, auf einen plötzlichen und über das zulässige Maß hinausgehenden Anstieg des Energieverbrauchs oder auf eine bestimmte Anzahl von Verkehrsbußgeldern eines Transportunternehmens.

 

1.3. Bewertung der Gesellschaftlichen Bonität: Ein dezentralisierter Prozess

Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge erstellt das Gesellschaftliche Bonitätssystem nicht eine einzige, einheitliche Bewertung für jedes Unternehmen. Vielmehr sehen die Pläne der chinesischen Regierung einen diversifizierten und dezentralisierten Markt für die gesellschaftliche Bonitätsbewertung vor. Hierzu gehören Bonitätseinschätzungen der Zentralregierung, die sich auf grundlegende Verstöße konzentrieren, branchenspezifische gesellschaftliche Bonitätsbewertungen, kommerzielle Bonitätsbewertungsagenturen sowie die Kreditwürdigkeitsprüfung der Chinesischen Zentralbank. Viele Fragen zur genauen zukünftigen Ausgestaltung der Bewertungsmechanismen bleiben jedoch vorerst offen. Sobald die notwendigen technischen Lösungen hinreichend entwickelt sind, ist auch eine Zentralisierung der gesellschaftlichen Bonitätsbewertungen nicht auszuschließen.

 

1.4 Gesellschaftliche Bonität: Auswirkungen auf Geschäftschancen

Die Pläne der Zentralregierung und die Umsetzungsrichtlinien der Ministerien geben detaillierte Einsicht in mögliche Auswirkungen von Bonitätsbewertungen auf Unternehmen. Neben den oben beschriebenen Beispielen bietet die rechte Seite der Infografik oben einen umfassenden Überblick. Letztlich fungiert das Gesellschaftliche Bonitätssystem als Gegengewicht zu den Plänen der chinesischen Regierung, die Märkte weiter zu öffnen und von staatlicher Seite aus weniger zu intervenieren. China arbeitet daran, bestehende Investitionskataloge durch Negativlisten zu ersetzen und so die Zahl der Branchen zu reduzieren, in denen Auflagen für ausländische Unternehmen bestehen. Davon sollen jedoch nur solche Unternehmen profitieren, die eine saubere gesellschaftliche Bonität vorweisen können. Das System soll sicherstellen, dass Unternehmen, die sich nicht an staatliche Vorschriften halten, über deutlich geringere Investitionsmöglichkeiten auf dem chinesischen Markt verfügen und ihre Geschäftstätigkeit in unbeschränkten Branchen nicht frei ausüben können. Einige der kürzlich festgelegten Freihandelszonen (FTZs) dienen als Versuchsfeld für die Verknüpfung von Investitionsmöglichkeiten und gesellschaftlichen Bonitätsbewertungen.3

1.5 Anwendungsbereich: Die gesamte Wirtschaft ist betroffen

Aus internationaler Sicht ist es wichtig festzuhalten, dass die staatlichen Dokumente zum Gesellschaftlichen Bonitätssystem nicht zwischen chinesischen und ausländischen Unternehmen unterscheiden. Das Gleiche gilt für Privatunternehmen und Staatsbetriebe. Die Umsetzung wird zeigen, ob dieses Prinzip auch künftig unverändert gilt. In China tätige ausländische Unternehmen dürften mit großer Wahrscheinlichkeit vollständig in das System integriert und genau wie ihre chinesischen Konkurrenten behandelt werden. Auch den industriepolitischen Vorgaben der chinesischen Führung werden sie dann in vollem Umfang ausgesetzt sein. Grundsätzlich zielt Chinas Gesellschaftliches Bonitätssystem darauf ab, die gesamte Wirtschaft zu erfassen. In der ersten Phase konzentrieren sich die Pläne der chinesischen Regierung auf Schlüsselsektoren, die strategische Bedeutung für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung (z. B. die Automobilindustrie), für die Bereitstellung einer stabilen Infrastruktur oder die Erbringung von Basisdienstleistungen haben, darunter die Telekommunikationsbranche oder die Energie- und Lebensmittelbranche. Ein besonderer Schwerpunkt liegt zudem auf dem Onlinehandel. Die Auswirkungen des Gesellschaftlichen Bonitätssystems werden in allen Schlüsselbranchen schon bald zu spüren sein. Mit einer Ausweitung auf andere Branchen und Industrien ist in absehbarer Zeit zu rechnen.

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Verfahren:

Schnelle Umsetzung eines Megaprojekts

Die Umsetzung des Gesellschaftlichen Bonitätssystems steht vor zwei großen Herausforderungen: bürokratische Barrieren und technische Realisierbarkeit. Verglichen mit anderen Projekten und Reformen, denen die chinesische Führung unter Xi Jinping und Li Keqiang oberste Priorität eingeräumt hat, gehört das Gesellschaftliche Bonitätssystem dennoch zu einem der dynamischsten und am zü- gigsten umgesetzten Projekte. Das Gesellschaftliche Bonitätssystem kann bereits auf eine lange Konzeptionsphase zurückblicken: Die Grundkonzepte und Mechanismen wurden bereits Ende der 1990er Jahre von einer Arbeitsgruppe des Instituts für Weltwirtschaft und Politik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften entwickelt. Lin Jinyue, ein prominentes Mitglied dieser Arbeitsgruppe, gilt als einer der Begründer der „Theorie des Gesellschaftlichen Bonitätssystems“. Nach seiner Ausbildung in den USA begann er dort seine berufliche Laufbahn als Experte für Informationsgewinnung und Kreditwürdigkeitsprüfung. Auf Basis dieser Erfahrungen sprach sich Lin zusammen mit seinen Kollegen für einen eigenen chinesischen Bonitätsbewertungsansatz aus. Zahlreiche Pilotprojekte starteten bereits in den frühen 2000er Jahren.4

 

2.1 Dynamischer Start: Konzertierte Aktion unter Aufsicht der obersten Führung

Als Vorzeigeprojekt für zentralstaatliche Koordination von oben schreitet die Umsetzung des Gesellschaftlichen Bonitätssystems seit der Veröffentlichung des „Plans zur Einrichtung eines Gesellschaftlichen Bonitätssystems“ (社会信用 体系建设规划纲要) 2014 rasant voran.5 Der Zeitplan für die Umsetzung ist eng: Beijing möchte das System bis 2020 an den Start bringen. Das Projekt wird von der einflussreichen Zentralen Führungsgruppe für die umfassende Vertiefung der Reformen koordiniert, die von Partei- und Staatschef Xi Jinping selbst geleitet wird.6 Die Zentrale Führungsgruppe hat die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) in enger Zusammenarbeit mit der Chinesischen Zentralbank (PBOC) mit dem Umsetzungsprozess beauftragt.7 Seit August 2015 haben diese insgesamt 43 Pilotstädte und -bezirke ausgewählt, um das Gesellschaftliche Bonitätssystem zu testen und die damit verbundenen Mechanismen auszuwählen. Ein weiteres Versuchsfeld sind die erwähnten Freihandelszonen. 

 

2.2 In Arbeit: Plattform zur gemeinsamen Nutzung und Erfassung von Daten

Das Datenrückgrat des Gesellschaftlichen Bonitätssystems ist die sogenannte „Nationale Plattform für den Austausch von Bonitätsinformationen“ (全国信用 信息共享平台). Diese Plattform ist seit Oktober 2015 in Betrieb und dient dazu, Daten der Zentralregierung und subnationaler Regierungen, aus branchenspezifischen Gesellschaftlichen Bonitätssystemen sowie zukünftig auch von kommerziellen Bonitätsbewertungsagenturen zu sammeln und auszutauschen (siehe auch Abbildung S. 7).8 In den vergangenen zwei Jahren sind bei der Zusammenführung von Daten aus verschiedenen Quellen in die Nationale Austauschplattform deutliche Fortschritte erzielt worden.

Zurzeit werden auf der Plattform in erster Linie staatliche Daten gesammelt. Sie umfasst insgesamt 400 Datensätze von rund 30 Ministerien und staatlichen Stellen, die sich auf die Dateneingaben der Provinz- und Stadtregierungen stützen.9 Bei rund 80 Prozent der integrierten Daten handelt es sich um Angaben zu Unternehmen – wobei die meisten Daten von den beiden Ministerien zur Verfügung gestellt werden, die für die wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich sind: die NDRC und das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT). Heute sind etwa 75 Prozent der staatlichen Daten, die auf der Austauschplattform gesammelt werden, öffentlich verfügbar (公 开) und, im Falle der Unternehmensdaten, überwiegend im Internet über das „Nationale System für die Veröffentlichung von Bonitätsinformationen“ (全国 企业信用信息公示系统) zugänglich.10 Lediglich 25 Prozent der Daten sind nur für einen eingeschränkten (有限共享) oder zwischenstaatlichen Austausch (政务共享) bestimmt. Technisch gesehen ist die Austauschplattform sowohl nach Unternehmensnamen als auch nach der gesellschaftlichen Bonitätsnummer eines Unternehmens durchsuchbar (统一社会信用代码).11

2016 gehörten zu den Unternehmensinformationen, die auf der Nationalen Plattform für den Austausch von Bonitätsinformationen gesammelt wurden, auch allgemeine Unternehmensangaben, wie zum Beispiel eingetragenes Kapital, gesetzliche Vertreter, Investitionstätigkeiten, Jahresberichte, staatlich genehmigte Projekte, Strafregister u. ä. Außerdem werden auf der Plattform viele Datensätze zur Einhaltung staatlicher Vorschriften durch Unternehmen sowie zum Gemeinwohl und zur öffentlichen Sicherheit integriert, wie beispielsweise Angaben zur Produktsicherheit, zum Umweltschutz und zur Sicherheit am Arbeitsplatz. Darü- ber hinaus enthält die Plattform Informationen zu unlauteren Geschäftspraktiken, wie zum Beispiel Verstöße gegen geistige Eigentumsrechte oder Steuerbetrug. Die Liste der integrierten Daten zeigt auch, dass viele der gesammelten Daten vermutlich noch immer in Papierform vorliegen und auf persönlichen Kontrollen durch staatliche Stellen basieren. Wenn die chinesische Regierung die Datenerhebung automatisieren und Echtzeit-Überwachungssysteme integrieren möchte, bleibt noch viel zu tun.
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2.3 Datenauswertung: Zahlreiche Ratingagenturen sind involviert

Während zur Datenerhebung und zum Datenaustausch im Gesellschaftlichen Bonitätssystem viele Details verfügbar sind, sind systematische Informationen zur Nutzung und Auswertung der gesammelten Daten selten erhältlich. Wie bereits erwähnt wird das Gesellschaftliche Bonitätssystem vermutlich nicht für jedes Unternehmen eine einzige, einheitliche Bewertung errechnen. Stattdessen existieren zurzeit verschiedene Systeme mit unterschiedlichen Beurteilungskriterien nebeneinander, die für unterschiedliche Zwecke zum Einsatz kommen. Die genauen Algorithmen und Kriterien für die Erstellung der unterschiedlichen Bonitätsbewertungen sind bislang nicht bekannt. Die im Gesellschaftlichen Bonitätssystem gesammelten Daten werden von mehreren unterschiedlichen Stellen verarbeitet, ausgewertet und bei der Erstellung von gesellschaftlichen Bonitätsbewertungen herangezogen. Bei diesen Stellen handelt es sich um die zwei Regierungsplattformen für Bonitätsinformationen – das „Nationale System für die Veröffentlichung von Bonitätsinformationen“ und die „Chinesische Plattform zur Bonitätsbewertung“. Dazu gesellen sich das Zentrum zur Bonitätsauskunft der PBOC, gewerbliche Agenturen sowie branchenspezifische Systeme (siehe schematischer Überblick in Abb. auf S. 7). Die Hauptmerkmale dieser Bonitätsbewertungsstellen sind:

  • Staatliche Plattformen für Bonitätsinformationen: Das Nationale System für die Veröffentlichung von Bonitätsinformationen und die Chinesische Plattform zur Bonitätsbewertung (信用中国网) 12 bieten Informationen zu Unternehmen, die auf schwarzen Listen stehen, sowie einen Überblick über positive und negative Bonitätsaufzeichnungen. Die Umsetzung ist noch immer weit von einem modernen Bonitätsbewertungsansatz entfernt; vielmehr handelt es sich hierbei um ein einfaches Verzeichnis positiver und negativer Informationen über Unternehmen. Die bestehenden schwarzen Listen enthalten zum Beispiel Auflistungen tausender Unternehmen, die keine Anleihen ausgeben oder nicht in börsennotierte Unternehmen investieren dürfen. Ministerien und andere staatliche Stellen sind angehalten, bei Genehmigungs- oder Ausschreibungsverfahren auf die verfügbaren Informationen zurückzugreifen.13
  • Das 2004 eingerichtete Zentrum zur Bonitätsauskunft der PBOC soll im Rahmen des Gesellschaftlichen Bonitätssystems zu einer wichtigen Bewertungsinstanz werden.14 Die „Kreditwürdigkeitsdatenbank“ der PBOC (金融信用信息 基础数据库) fungiert als Hauptdatenlieferant für das Gesellschaftliche Bonitätssystem und kann bei der Erstellung seiner Unternehmensbewertungen auch auf die Daten der Nationalen Plattform für den Austausch von Bonitätsinformationen zurückgreifen. Die Bewertungen der PBOC werden von staatlichen Stellen bei Ausschreibungen und anderen administrativen Entscheidungen bereits verwendet. Es ist davon auszugehen, dass in Zukunft das Zentrum zur Bonitätsauskunft oder ein neu eingerichtetes Ratingzentrum unter Aufsicht der PBOC bei der Bewertung von Unternehmen im Rahmen des Gesellschaftlichen Bonitätssystems eine entscheidende Rolle spielen werden.
  • Kommerzielle Bonitätsbewertungsagenturen machen einen beträchtlichen Teil des Gesellschaftlichen Bonitätssystems aus. Das Konzept der chinesischen Regierung sieht vor, dass die vom Staat gesammelten Daten auch den gewerblichen Agenturen zur Verfügung gestellt werden. Im Gegenzug dafür sollen diese dem Staat Daten zur Vertrauenswürdigkeit von Unternehmen liefern. Viele unterschiedliche Unternehmen steigen zurzeit mit ihren eigenen Bewertungsdiensten in den Markt ein, darunter Alibaba und JD (führende Internethandelsunternehmen), Baidu (Chinas Google) und Wanda (Immobilienunternehmen und Betreiber von Kinoketten) sowie China Telecom (staatliches Telekommunikationsunternehmen), Fosun (Investmentgesellschaft) und einige ministeriell unterstützte Dienste. Seit März 2017 waren die auf dem chinesischen Markt tätigen kommerziellen Wirtschaftsauskunfteien überwiegend in Beijing oder Shanghai ansässig.15 Die Frage, ob zwischen diesen Unternehmen und der Nationalen Plattform für den Austausch von Bonitätsinformationen bereits ein reger Datenaustausch erfolgt, ist zurzeit noch offen. Angeblich haben jedoch einige Unternehmen Verträge über den Austausch von Bonitätsinformationen mit der staatlichen Datenplattform unterzeichnet.16
  • In den Schlüsselindustrien, die vom Gesellschaftlichen Bonitätssystem ins Visier genommen werden, arbeiten Industrieverbände und Ministerien zurzeit an der Umsetzung branchenspezifischer Bewertungssysteme. Hierzu gehören die Branchen Automobil, Energie, Finanzen und Internethandel. Die von den branchenspezifischen Systemen erstellten Bewertungen werden voraussichtlich in die Nationale Plattform für den Austausch von Bonitätsinformationen integriert.

2.4 Das Ergebnis: Reibungslose Umsetzung eher unwahrscheinlich

Eine der großen Herausforderungen für die Umsetzung des Gesellschaftlichen Bonitätssystems ist die systematische Integration von Daten, die von privaten Unternehmen gesammelt werden. Der Erfolg des Projekts hängt entscheidend von der Bereitschaft dieser Unternehmen ab, ihre Daten auszutauschen, und von der Fähigkeit der Regierung, den Datenaustausch durchzusetzen. Aus Sicht der Unternehmen könnte dies in einigen Fällen attraktiv sein, weil sie hierdurch Zugang zu Regierungsdaten erhielten. Andererseits könnten Unternehmen wie Alibaba, JD oder Baidu einen Austausch ihrer firmeneigenen Daten verweigern, da diese ihr wertvollstes Produkt darstellen. Die technischen Hürden sind ebenfalls hoch: Die Infrastruktur der Datenbanken und die Fähigkeit der verschiedenen staatlichen und gewerblichen Systeme, die Datenqualität zu erhöhen und riesige Mengen an Echtzeitdaten auszuwerten, bedeuten für die Umsetzung des Gesellschaftlichen Bonitätssystems enorme Herausforderungen. Verglichen mit vielen anderen Ländern ist China gut darauf vorbereitet, diese Hürden zu meistern. Es verfügt nicht nur über den politischen Willen und das Durchsetzungsvermögen, sondern auch über die finanziellen Ressourcen. Zudem ist das Land in entscheidenden Technologien wie Big Data oder Überwachungssystemen bereits stark entwickelt. Auch die Bürokratie könnte Fortschritte bei der Umsetzung behindern. Eine zuverlässige Bereitstellung von Daten durch die Provinz- und Stadtregierungen sowie durch Unternehmen ist nicht selbstverständlich. Gegen die Übergabe von Daten dürfte sich Widerstand breit machen. Und auch die Echtzeit-Überwachungssysteme sind vor Datenbetrug nicht sicher. Erst kürzlich verdeutlichte ein Fall, in dem Echtzeit-Emissionsdaten von Unternehmen gefälscht wurden, dass China bis zum Aufbau einer zuverlässigen Datenbank für das Gesellschaftliche Bonitätssystem noch einen langen Weg vor sich hat.17 Das volle Ausmaß der Auswirkungen des Gesellschaftlichen Bonitätssystems wird vorrausichtlich nicht vor 2020 zu spüren sein. Gleichwohl steht das außergewöhnlich intensive Engagement der chinesischen Regierung für dieses Projekt außer Frage. China wird alle Anstrengungen unternehmen, um die grundlegenden Strukturen und Mechanismen sobald wie möglich umzusetzen.

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Auswirkungen:

Eine neue Form der Big-Data-gestützten Marktregulierung

Wird das Gesellschaftliche Bonitätssystem wie geplant umgesetzt, kann es zur Lösung vieler drängender Probleme in der chinesischen Wirtschaft beitragen. Gleichzeitig wird es jedoch ein IT-gestütztes autoritäres Regierungssystem fördern: Die Fähigkeit der chinesischen Regierung, Marktregulierungen und industriepolitische Maßnahmen genau abzustimmen und durchzusetzen, wird durch neue Anreizmechanismen – die im Rahmen des Gesellschaftlichen Bonitätssystems vergebenen Bewertungen – gestärkt. Hierdurch schafft Beijing eine subtile, sich selbst durchsetzende und unsichtbare Form der staatlichen Kontrolle. Eingriffe staatlicher Stellen können sich somit auf die Festlegung von Regeln, Standards und Algorithmen für das System beschränken. Sichtbare staatliche Eingriffe in Marktprozesse werden dadurch auf ein Minimum begrenzt.

Wirtschaftlich betrachtet hilft das Gesellschaftliche Bonitätssystem China dabei, politische, soziale und umweltrelevante Externalitäten tief in alltägliche unternehmerische Entscheidungen zu integrieren. Viele der betreffenden Vorschriften sind für den chinesischen Markt nicht neu. Das Gesellschaftliche Bonitätssystem revolutioniert jedoch ihre Durchsetzung, indem es sie direkt mit der Kosten-Nutzen-Kalkulation und den Erfolgschancen eines Unternehmens verknüpft.

Letztlich könnte das Gesellschaftliche Bonitätssystem zu einem effektiven, Big-Data-gestützten Instrument werden, mit dem das Verhalten von Marktteilnehmern überwacht, bewertet und in eine politisch gewünschte Richtung gelenkt werden kann: Ein Unternehmen, das die für seine Branche gesetzten Investitionsziele für eine neue Technologie nicht erfüllt, wird mit schlechten Gesellschaftlichen Bonitätsbewertungen (wie es etwa im Falle der Elektroauto-Quote vorgesehen ist18) bestraft. Hierdurch wird das Unternehmen gedrängt, die politischen Ziele einzuhalten und Ressourcen in Technologien zu stecken, in die es – aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht – nicht investieren würde.

Chinas Führung will das Land zu einer Industriegroßmacht umgestalten. Sollten die umfassenden industriepolitischen Maßnahmen und staatlich gesteuerten Investitionsstrukturen den gewünschten Effekt haben, wird das Gesellschaftliche Bonitätssystem zu einem effektiven Instrument, um Chinas Ambitionen zu verwirklichen. Wie jedoch bei allen industriepolitischen und technologischen Maßnahmen können politisch veranlasste Investitionen auch zu einer erheblichen Fehlleitung von Ressourcen führen. Auf diese Weise wird der Spielraum für unabhängige unternehmerische Entscheidungen und nicht-konforme, innovative Geschäftsmodelle eingeschränkt. Dies könnte erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen. Trotz dieser Risiken schreckt die chinesische Regierung nicht davor zurück, mit großer Entschlossenheit einen sehr ausgefeilten Durchsetzungsmechanismus für ihre industriepolitischen Maßnahmen zu schaffen.

 

3.1 Mögliche positive Auswirkungen: Verantwortungsbewusstes Verhalten von Unternehmen

Abgesehen von diesen grundlegenden Fragen könnte das Gesellschaftliche Bonitätssystem Chinas sehr wohl auch konkrete positive Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft haben – vorausgesetzt, es wird wie geplant umgesetzt.

  • Das Gesellschaftliche Bonitätssystem könnte rechtswidriges Verhalten verhindern, die wirtschaftliche Verlässlichkeit von Unternehmen stärken und dazu beitragen, eine neue Kultur eines sozial- um umweltverantwortlichen Verhaltens aufzubauen.
  • Die Transparenz von Unternehmensaktivitäten kann erhöht werden, indem umfassende Informationen zu Unternehmen und deren gesellschaftliche Bonitätsbewertungen auf zentralisierten Internetplattformen für jeden zugänglich gemacht werden. Die gesellschaftlichen Bonitätsbewertungen und -punkte könnten Unternehmen zum Beispiel dabei helfen, einen potenziellen Partner oder ein mögliches Übernahmeziel besser zu beurteilen.
  • Parallel zur Umsetzung des Systems will China auch die Qualität der gesammelten Daten erheblich erhöhen. Dies könnte sich bei entsprechendem Gebrauch positiv auf die Verlässlichkeit bestehender Wirtschaftsstatistiken auswirken.
  • Das Gesellschaftliche Bonitätssystem und seine riesige Datenbank bieten für Unternehmen, die sich auf Big Data spezialisiert haben, ein neues und großes Geschäftsfeld. Echtzeit-Überwachungssysteme schaffen neue Märkte für moderne IT-Technologien von der Verkehrsüberwachung über Bilderkennung bis hin zu Satellitennavigationssystemen. Positive Auswirkungen sind auch für die technologische Entwicklung und Kompetenz Chinas zu erwarten. Hierdurch könnte das Land zum führenden globalen Markt für diese Technologien werden.

 

3.2 Mögliche negative Auswirkungen: Es drohen wirtschaftliche Schäden

Das Gesellschaftliche Bonitätssystem kann auch erhebliche negative Auswirkungen nach sich ziehen. Mögliche Beispiele sind:

  • Eine beträchtliche Anzahl von Unternehmen ist möglicherweise nicht in der Lage, die Kosten für die Einhaltung staatlicher Vorschriften zu tragen. Dies gilt zum Beispiel für die Einhaltung von Umweltstandards bei der Produktion. Da die Nichteinhaltung im Falle eines voll funktionsfähigen Gesellschaftlichen Bonitätssystems keine Option mehr sein wird, könnten sich einige Unternehmen gezwungen sehen, ihren Geschäftsbetrieb zu schließen oder ihre Investitionen zurückzufahren.
  • Chinas Gesellschaftliches Bonitätssystem dürfte vor allem in der Umsetzungsphase aufgrund der noch nicht ausgereiften Technologien sehr fehleranfällig sein. Regelkonforme Unternehmen könnten schlechte Bewertungen erhalten und umgekehrt – dies würde unausweichlich zu wirtschaftlichen Schäden führen.
  • Das Gesellschaftliche Bonitätssystem kann für den Schutz von unternehmenseigenen Daten ein permanentes Risiko bedeuten. Ein großes Datenleck oder ein umfangreicher Datendiebstahl könnte schnell erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen, indem sensible Unternehmensdaten an Konkurrenten oder andere Staaten weitergegeben oder verkauft werden.
  • Im Vergleich zu anderen Ländern hat die chinesische Regierung beim Sammeln und Nutzen von Daten einen weitaus größeren Spielraum. Ein Grundproblem des Systems könnte der Missbrauch von sensiblen Daten durch staatliche Stellen sein. Hierdurch könnten die Geschäfte betroffener Unternehmen erheblich geschädigt werden.
  • Während der Zugang zu Informationen Transparenz schafft, bleiben die Algorithmen der verschiedenen Bonitätsbewertungsagenturen bei der Berechnung ihrer Bonitätspunkte weiterhin im Dunkeln. Das könnte dazu führen, dass Geschäftstätigkeiten in China nur sehr schwer kalkulierbar sind.

 

3.3 Mögliche internationale Auswirkungen: Neue Herausforderungen für ausländische Unternehmen

Das Gesellschaftliche Bonitätssystem stellt internationale Akteure vor große Herausforderungen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ausländische Unternehmen vollständig in die Mechanismen des Gesellschaftlichen Bonitätssystems integriert werden. Wenn sie sich umfassend an die staatlichen Vorschriften halten, können sie schwere Bestrafung vermeiden. Ihre unternehmerische Entscheidungsfreiheit in China wird hierdurch jedoch erheblich eingeschränkt. Internationale Unternehmen könnten zum Beispiel – wie ihre chinesischen Konkurrenten auch – durch Chinas industriepolitischen Vorgaben gezwungen werden, aus unternehmerischer Perspektive fragwürdige Investitionen zu tätigen.

Gleichzeitig könnte die Integration von internationalen Unternehmen in das System mehr Wettbewerbsgleichheit zwischen ihnen und ihren chinesischen Konkurrenten schaffen, da beide Seiten denselben Bonitätsprüfungsmechanismen unterliegen, die wiederum ihre Geschäftsmöglichkeiten beeinflussen. Es bleibt jedoch fragwürdig, ob dies in der Praxis zu einer geringeren Diskriminierung internationaler Unternehmen, zum Beispiel bei öffentlichen Ausschreibungen, führen wird. Tatsächlich könnten sich die gesellschaftlichen Bonitätsbewertungen als eine weitere und sehr subtile Form der Diskriminierung erweisen. Bewertungen für internationale Unternehmen könnten leicht missbraucht werden, um chinesische Unternehmen systematisch und absichtlich zu bevorzugen.

Hinzu kommen Risiken mit Blick auf Datensicherheit. Dies betrifft nicht nur das Risiko des Datendiebstahls, sondern auch den möglichen Missbrauch von sensiblen Daten durch staatliche Stellen. Sensible technische Daten von High-Tech-Unternehmen könnten insbesondere dann gefährdet sein, wenn China Echtzeit-Überwachungssysteme zum Sammeln von technischen Daten einführt. Ein Beispiel hierfür sind im Auto installierte On-Board Systeme, die nicht nur das Verhalten des Fahrers, sondern auch die technische Leistung des Autos überwachen.

Schließlich könnte Chinas Gesellschaftliches Bonitätssystem schnell zu einem globalen Phänomen werden: zugehörige IT-Systeme und Big-Data-Lösungen verfügen über ein hohes Exportpotential in Länder, die eine stärkere staatliche Kontrolle der Wirtschaft anstreben. Auch wenn die Umsetzung immer ein bestimmtes Maß an bürokratischer und technologischer Kompetenz erfordert, könnte das Gesellschaftliche Bonitätssystem im Falle einer erfolgreichen Implementierung weltweit zum Vorbild für andere Regierungen werden. Unternehmen, die auf dem chinesischen Markt tätig sind, sollten die schnelle Umsetzung des Systems und dessen Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit in und mit China nicht unterschätzen. Vielmehr sollten sie sich eingehend mit dem Konzept und den Mechanismen des Systems vertraut machen. Die regulatorische Ausgestaltung und die Bewertungsplattformen nehmen zurzeit Gestalt an. Unternehmen sollten deshalb die konkreten Pläne eingehend prüfen und deren Folgen für ihre jeweiligen Geschäftsfelder analysieren. Wirtschaftsdiplomatie und Wirtschaftsverbände sollten Strategien entwickeln, um die Umsetzung des Bonitätssystems mitzugestalten und auf diese Weise potenzielle Risiken zu begrenzen.

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Schlussfolgerung:

Entsteht in China ein extrem wettbewerbsfähiges Wirtschaftssystem?​​​​​​​

Das Gesellschaftliche Bonitätssystem verkörpert Chinas Vision, ein extrem leistungsfähiges und zugleich anpassungsfähiges Wirtschaftssystem unter politischer Führung zu schaffen. Wird das System wie geplant umgesetzt, kann es zu einem hoch komplexen und ausgefeilten Modell für eine IT- und Big-Data-gestützte Marktregulierung werden. Dies würde zum einen zu einer tiefgreifenden Umgestaltung der chinesischen Wirtschaft führen. Zum anderen erhielten die Entscheidungsträger in China hiermit ein Instrument, mit dem sie auf anstehende soziale und umweltpolitische Herausforderungen sowie auf neue Technologien und industrielle Entwicklungen wirksam und schnell reagieren können. Die chinesische Regierung wird versuchen, das Gesellschaftliche Bonitätssystem dazu zu nutzen, Investitionen in innovative Technologien zu lenken und Unternehmen zu einem Verhalten zu bewegen, das für die Lösung von sozialen und umweltrelevanten Problemen hilfreich ist. Dies wiederum könnte dazu führen, dass Entwicklungsstufen übersprungen, innovative Geschäftsaktivitäten forciert und die Fähigkeit der chinesischen Gesellschaft gestärkt wird, sich schnell an nicht vorhersehbare Veränderungen anzupassen. Im Vergleich dazu würden westliche Marktwirtschaften träge und hochgradig fragmentiert wirken mit einer geringen Beweglichkeit und Durchsetzungsfähigkeit sowie fehlender langfristiger Strategien. Dieser Vision der chinesischen Führung entsprechend, würden liberale Marktwirtschaften letztlich nicht mit Chinas einseitig ausgerichtetem Ansatz konkurrieren können.

Chinas Vision von einer umfassenden Steuerung wirtschaftlicher Aktivitäten ist sehr ehrgeizig. Gleichwohl wird das Projekt nicht zwingend von Erfolg gekrönt sein. Aufgrund seiner Beschränkungen und Schwachstellen könnte das Gesellschaftliche Bonitätssystem auch zu einem massiven Rückgang von Investitionen, zum Scheitern ganzer Industrien, zur Schwächung der Innovationskraft und einer geringen unternehmerischen Eigeninitiative führen. Ob der chinesische Ansatz besser auf die technologischen, sozialen und umweltpolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zugeschnitten ist, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass die chinesische Führung alle notwendigen Anstrengungen unternehmen wird, um das Mammutprojekt „Gesellschaftliches Bonitätssystem“ zum Erfolg zu führen.

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Annex

1 | Dieser MERICS China Monitor basiert auf der systematischen Analyse von mehr als 100 chinesischen Regierungsdokumenten, die seit 2011 zum Gesellschafltichen Bonitätssystem veröffenlicht wurden. Der Anhang dieser Publikation bietet einen Überblick über ausgewählte Schlüsseldokumente.

2 | Staatsrat 国务院 (2017). „十三五’市场监管规划“ („13. Fünfjahresplan für Marktregulierungen). 12. Januar. http://www.gov.cn/zhengce/content/2017-01/23/con-tent_5162572.htm. Zugriff: 02. Mai 2017.

3 | Beispiele sind die neu geschaffenen Freihandelszonen in Sichuan und Shaanxi: Staatsrat 国务院 (2017). „国务院关于印发中国(四川)自由贸易试验区总体方案的通知“ (Bekanntmachung des Staatsrates zur Veröffentlichung des umfassenden Plans für Chinas Freihandelszone (Sichuan)). 15. März. http://www.gov.cn/zhengce/content/2017-03/31/content_5182304.htm. Zugriff: 02. Mai 2017; Staatsrat 国务院 (2017c). „国务院关于印发中 国(陕西)自由贸易试验区总体方案的通知” (Bekanntmachung des Staatrates zur Veröffentlichung des umfassendes Plans für Chinas Freihandelszone (Shaanxi)). 15. Mai. http:// www.gov.cn/zhengce/content/2017-03/31/content_5182306.htm. Zugriff: 02. Mai 2017.

4 | Lin, Junyue 林钧跃 (2012). “社会信用体系理论的传承脉络与创新” (Entwicklung und Innovation der Theorie des Gesellschaftlichen Bonitätssystems). Kreditauskunft 1 (162); Ye, Xiangrong 叶湘榕 (2015). “中国模式社会信用体系建设的创新与挑战“ (Innovation und Herausforderung: Der Aufbau von Chinas Gesellschaftlichem Bonitätssystem). Innovation 4 (9): 25-32; Lin, Junyue 林钧跃 (2015) http://www.cac.gov.cn/2015-10/28/c_1116956896. htm. Zugriff: 02. Mai 2017

5 | Staatsrat 国务院 (2014). „社会信用体系建设规划纲要 (2014—2020年)“ (Plan für die Errichtung eines Gesellschaftlichen Bonitätssystems (2014-2020)). 26. Juni. http://www.gov.cn/ zhengce/content/2014-06/27/content_8913.htm. Zugriff: 01. Mai 2017.

6 | Yuandiancredit.com (2016). “中国社会信用体系建设全景报告” (Übersichtsbericht zum Aufbau von Chinas Gesellschaftlichem Bonitätssystem). 30. Dezember. http://yuandiancredit. com/h-nd-1312-2_347.html. Zugriff: 02. Mai 2017.

7 | NDRC [Nationale Komission für Entwicklung und Reform] 国家发展改革委, PBOC [Chinesische Zentralbank] 人民银行 (2014): „国家发展改革委人民银行关于印发《社会信用体 系建设规划纲要 (2014—2020 年) 任务分工》和《社会信用体系建设三年重点工作任务 (2014–2016)》的通知” (Bekanntmachung der Nationalen Komission für Entwicklung und Reform und der chinesischen Zentralbank zur Aufgabenteilung für den Plan zum Aufbau des Gesellschaftlichen Bonitätssystems und die Schlüsselaufgaben der nächsten drei Jahre (2014–2016)). 16. Dezember. http://www.sdpc.gov.cn/gzdt/201501/t20150105_659408. html. Zugriff: 02. Mai 2017.

8 | Staatsrat 国务院 (2016). ”国务院关于建立完善守信联合激励和失信联合惩戒制度加快推进 社会诚信建设的指导意见“ (Leitlinien zum Aufbau eines Systems zur Schaffung von Anreizen für ehrliches Verhalten und zur Sanktionierung unehrlichen Verhaltens sowie der Förderung von sozialem Vertrauen). 12 Juni. http://www.gov.cn/zhengce/content/2016-06/12/content_5081222.htm. Zugriff: 02. Mai 2017.

9 | NDRC 国家发展改革委 (2016).“全国信用信息共享平台信用信息目录 (部际联席会议成员 单位2016年版)” (Verzeichnis für Bonitätsinformationen der Nationalen Plattform für den Austausch von Bonitätsinformationen (Interdepartmental Joint Membership Conference Unit, 2016 Edition). 13. Juli. http://www.xuancheng.gov.cn/download/?mod=site_attach&_ id=57cf7e6220f7fed-0e4af0c39. Zugriff: 02. Mai 2017.

10 | Das Nationale System für die Veröffentlichung von Bonitätsinformationen 全国企业信用信 息公示系统 ist einsehbar unter http://www.gsxt.gov.cn

11 | NDRC 国家发展改革委, Ständiger Arbeitsstab der Zentralen Organ- und Stellenplankommission中央编办, Ministerium für Zivilangelegenheiten 民政部 (2015). “法人和其他组织统一社会信用代码制度建设总体方案“ (Umfassender Plan zur Einführung eines einheitlichen Systems für die gesellschafltiche Bonitätsnummer von juristischen Personen und anderen Organisationen). 11. Juni. http://www.sdpc.gov.cn/zcfb/zcfbqt/201506/t20150623_696786. html. Zugriff: 02. Mai 2017.

12 | Die Chinesische Plattform zur Bonitätsbewertung ist einsehbar unter http://www.creditchina.gov.cn. Neben Informationen zu den Bonitätsaufzeichnungen von Unternehmen, ist die Plattform außerdem eine wertvolle Quelle für aktuelle Informationen zur Implementierung des Systems.

13 | Staatsrat 国务院 (2016).

14 | Zentrum zur Bonitätsauskunft der PBOC 征信中心 ist einsehbar unter http://www.pbccrc. org.cn und stellt Bonitätsinformationen zu Individuen und Unternehmen zur Verfügung. Weitere Informationen über das Zentrum und seine Verbindungen zum Gesellschaftlichen Bonitätssystem sind zu finden in: PBOC 人民银行 (2015). „征信系统建设运行报告 (2004– 2014)“ (Bericht über den Aufbau und den Einsatz des Bonitätssystems). August 05. http:// www.pbccrc.org.cn/zxzx/zxzs/201508/f4e2403544c942cf99d-3c71d3b559236.shtml. Zugriff: 02. Mai 2017; Yuandiancredit.com (2016) und Standard Chartered (2014). “关于征信 和社会信用体系专题宣传的通知”(Bekanntmachung zum System von Bonitätsinformationen und der Propaganda des Gesellschaflichen Bonitätssystems). 07. Juli. https://www.sc.com/ global/av/cn-imp-info-Monthlyreport20140707_zh.pdf Zugriff: 02. Mai 2017.

15 | Yuancredit.com (2017). “全国企业征信机构备案名录” (Liste der nationalen Organisationen für Bonitätsinformationen). http://yuandiancredit.com/h-nd-221-2_347.html. Zugriff: 02. Mai 2017.

16 | News.sina.com (2017) “十家共享单车企业入驻全国信用信息共享平台“ (Zehn Bike-Sharing Unternehmen treten der Nationalen Plattform für den Austausch von Bonitätsinformationen bei). 27. April. http://news.sina.com.cn/c/2017-04-27/doc-ifyetstt3659441.shtml. Zugriff: 02. Mai 2017; Dsb.cn (2016). “阿里巴巴等8家企业签署“反炒信”信用信息共享协议“ (Alibaba und acht andere Unternehmen unterzeichnen die „Anti-Spekulationsvereinbarung“ für das Teilen von Bonitätsinformationen). http://www.dsb.cn/50781.html. Zugriff: 02. Mai 2017.

17 | Yuan Suwen, Zhou Tailai, Li Rongde (2017). „Nordchina erstickt an gefälschten Emissionsdaten“ 06. April. http://www.caixinglobal.com/2017-04-06/101075101.html. Zugriff: 02. Mai 2017.

18 | MIIT [Ministerium für Industrie und Informationstechnologie] 工业和信息部 (2016). “企业平 均燃料消耗量与新能源汽车积分并行管理暂行办法 (征求意见稿)” (Vorläufige Richtlinien zum durchschnittlichen Kraftstoffverbrauch von Unternehmen und das integrale sowie parallele Management von „New Energy Vehicles“ (Gesetzesentwurf zur öffentlichen Stellungnahme)). http://www.miit.gov.cn/n1146295/n1652858/n1653100/n3767755/c5261365/ part/5261369.pdf. Zugriff: 02. Mai 2017.