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MERICS China Dispute mit Susan Shirk, Orville Shell und David Bandurski

22. Februar 2017, Berlin

Kritik an westlichen Systemen wird in China von parteistaatlichen Medien und führenden Kadern mitunter gezielt geschürt. Verstärkt verweisen sie derzeit auf Krisen in den USA und Europa, um liberale Demokratien und Wirtschaftsordnungen als unzulänglich vorzuführen. Beijing setzt diesen Modellen eine Alternative entgegen, den „chinesischen Weg“. Gleichzeitig berichten westliche Unternehmer und Studenten vor Ort vermehrt von einer angespannteren Atmosphäre bei persönlichen Begegnungen. Unter welchen Bedingungen könnte sich ein auch explizit gegen westliche Länder gerichtete Nationalismus in China entwickeln?  Bedrohen sie die Stabilität der chinesischen Regierung? Mit diesen Fragen befassten sich die Diskutanten der Paneldiskussion vor etwa 100 Gästen.

Das Konzept eines kompetitiven Nationalismus war in China bis zum 20. Jahrhundert unbekannt. Erst Sun Yat-sen setzte nach der Republikgründung auf das Konzept einer nationalen Gemeinschaft. „Heute gehört China zu den Ländern, die Nationalismus besonders kunstvoll praktizieren“, sagte Orville Shell, Direktor des Zentrums für US-chinesische Beziehungen bei der Asia Society in New York, auf dem von MERICS-Forscherin Kristin Shi-Kupfer moderierten Panel.

Auch in den vergangenen Jahren haben chinesische Regierungen sich die in der Bevölkerung latent vorhandene Aversion gegen ausländische Einflüsse zunutze gemacht: 2012 ließ sie es geschehen, dass nach einem Aufflammen der Territorialstreitigkeiten über die Diaoyu-Inseln (Japanisch: Senkaku) antijapanische Proteste stattfanden. Im vergangenen Jahr kam nach dem den von China zurückgewiesenen Schiedsspruch eines internationalen Seegerichts zum Konflikt im Südchinesischen Meer zu Protesten gegen Restaurants der US-Fastfoodkette KFC.

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„Nationalismus ist für die Kommunistische Partei Chinas eine praktische Ideologie um sich Unterstützung in der Bevölkerung zu sichern“, sagte Susan Shirk, Direktorin des „21st Century China Center“ an der Universität von Kalifornien, San Diego. Shirk, die in den frühen siebziger Jahren erstmals nach China reiste, rechnet in den kommenden drei bis fünf Jahren allerdings nicht mit einem massiven Anstieg nationalistischer Aufwallungen in China. Der chinesischen Regierung sei klar, dass nationalistische Proteste außer Kontrolle geraten und sie selbst in Bedrängnis bringen könnten.

Vermeintliche externe Bedrohungen bewegen bis heute die Regierung in Beijing, nationalistische Töne anzustimmen und zuletzt auch ausländischen Nichtregierungsorganisationen in China die Arbeit zu erschweren: Ranghohe chinesische Politiker seien der Meinung, dass die USA als Drahtzieher die Farbenrevolutionen in Osteuropa und den sogenannten Arabischen Frühling zu verantworten hätten, sagte Shirk. Die latente Furcht, dass so etwas auch in China passieren könne, kann als ein wichtiges Motiv für Chinas Bemühungen vermutet werden, westliche Einflüsse im eigenen Land einzudämmen.

Doch auch innenpolitische Gründe spielen eine Rolle, wie David Bandurski vom China Media Project der Universität Hongkong sagte. Die Regierung in Beijing sehe nationalistische Proteste als Ventil, um von innenpolitischen Problemen abzulenken und Unzufriedenheit zu kanalisieren. Bandurski, der mit seinem Team das chinesische Internet und soziale Medien beobachtet, um Debatten jenseits der offiziellen Parteiverlautbarungen abzubilden, sieht derzeit ebenfalls keinen signifikanten Anstieg von antiwestlichem Nationalismus.

Die drei Panelteilnehmer schätzten das Risiko als gering ein, dass in absehbarer Zeit die chinesische Regierung durch ausufernde nationalistische Proteste – etwa nach einer Eskalation im Südchinesischen Meer – selbst unter Druck geraten könnte. Tiefgreifende Differenzen innerhalb der chinesischen Führungsspitze könnten sich nach ihrer Ansicht als das größere Risiko erweisen. Auch könne wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung wegen einer Verschärfung wirtschaftlicher Probleme die Stabilität bedrohen.

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Chinas neues Selbstbewusstsein stellt jedoch die internationale Gemeinschaft vor Herausforderungen. Der „chinesische Weg“ könnte sich für anderen Länder als durchaus effizienter und attraktiver erweisen als westliche Systeme. Die Regierung in Beijing habe so einen „Wettbewerb der politischen Systeme“ angestoßen, sagte Shell. China präge dabei Wertbegriffe in einer Art und Weise, die für manche im Westen nicht akzeptabel sei – wenn etwa Freiheit vor allem als Freiheit der Nation und nicht als Freiheit des Einzelnen verstanden werde.

Aber trotz aller Differenzen gebe es Raum zur Zusammenarbeit, da waren sich die Diskutanten einig. „Chinas hat den Ehrgeiz, wieder ‚groß‘ sein zu wollen. Das heißt aber nicht, dass es nach Weltherrschaft strebt“, betonte Shirk. Selbst angesichts der sich ändernden Weltlage, in der die USA unter Trump an Einfluss verlieren dürften, verzichte China bislang darauf, offensiv für alternative Modelle einzutreten. Vielmehr versuche Beijing, sich in die seit dem Zweiten Weltkrieg bestehende globale Ordnung einzufügen.

Westlichen Staaten, die konstruktive Wege für den Umgang mit Chinas Nationalismus suchen, stehe ein wahrer Drahtseilakt bevor, so eine Schlussfolgerung der Diskussion. Wichtig sei es, mit China zu reden und die eigenen Interessen zu verteidigen – eine schwierige Aufgabe in diesen Zeiten. Zum einen ist unklar, ob es der neuen US-Regierung künftig gelingt, im Umgang mit China den richtigen Ton zu treffen. Zum anderen ist offen, ob die USA und die EU-Staaten noch an einem Strang ziehen, um für ihre Vorstellungen und Wertesysteme einzutreten.

In der anschließenden Fragerunde legten verschiedene Teilnehmer Wert darauf, das Bild von China als einem alles Ausländische ablehnenden Land zu relativieren: Ihm begegne auf seinen Reisen kein antiwestliches Ressentiment, nicht einmal in weit abgelegenen Regionen, sagte ein Zuschauer. Ein anderer stimmte zu: „Ich sehe in China mehr Bewunderung des Westens als einen feindseligen Nationalismus.“