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Web-Spezial

Die chinesische Tourismuswelle

Der Wettbewerb um chinesische Touristen hat begonnen. Seit 2012 sind sie Reiseweltmeister – gemessen an den Ausgaben im Ausland. Für die kommenden fünf Jahre werden 500 Millionen chinesische Auslandsreisen vorausgesagt. Dies bietet zahlreiche Möglichkeiten für die deutsche und europäische Wirtschaft. Wohin reisen Chinesen am liebsten? Wie und wo geben sie ihr Geld aus? Wie schlägt sich Deutschland im Wettbewerb um chinesische Touristen? Und gerät Deutschland möglicherweise gerade ins Hintertreffen? Ein Tourismus-Spezial von Marie Hoffmann.

Quelle: CNTA

Die Reisebranche hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem der größten und am stärksten wachsenden Wirtschaftssektoren der Welt entwickelt. Über eine Milliarde internationale „touristische Ankünfte“ verzeichnet die Welttourismusorganisation UNWTO im Jahr 2013 – eine Verdreifachung seit den 1980er Jahren.

Die Einnahmen aus dem internationalen Tourismus liegen bei über einer Billion USD. China treibt den weltweiten Boom des Tourismus maßgeblich voran. Seit einem Jahrzehnt wächst kein Tourismusmarkt der Welt schneller als der chinesische. 2013 war ein Rekordjahr: Fast 100 Millionen Chinesen waren laut Angaben der staatlichen chinesischen Tourismusbehörde (China National Tourism Administration, CNTA 国家旅游局) im Ausland unterwegs. Allein in den vergangenen vier Jahren hat sich die Anzahl chinesischer Auslandsreisen mehr als verdoppelt. Das Wachstumspotenzial ist enorm, denn trotz der beeindruckenden Zahl von 100 Millionen entsprechen diese nur rund sieben Prozent der chinesischen Gesamtbevölkerung. 

Angesichts der wachsenden Kaufkraft der Mittelschicht werden immer mehr Chinesen zu Reisen ins Ausland aufbrechen. 500 Millionen chinesische Auslandsreisen sagt Shao Qiwei, der Vorsitzende der staatlichen chinesischen Tourismusbehörde (China National Tourism Administration, CNTA ), für die kommenden fünf Jahre voraus. 

Reiseweltmeister: Chinesische Touristen geben am meisten Geld im Ausland aus

Quelle: UNWTO

Die Zahl der chinesischen Auslandsreisen steigt rasant. Auch die Ausgaben der Chinesen im Ausland brechen alle Rekorde. Seit 2012 gibt kein Land mehr Geld auf Auslandsreisen aus als China. Damit hat China den langjährigen Reiseweltmeister Deutschland vom Thron gestoßen. 129 Milliarden USD gaben die Chinesen im Jahr 2013 nach Angaben der Welttourismusorganisation im Ausland aus. Sollte sich dieser Trend mit zweistelligen Zuwächsen fortsetzen, könnte China seinen Vorsprung weiter ausbauen und seinen ersten Platz wohl noch lange verteidigen.

Der chinesische Europa-Tourismus

Zwar reisen Chinesen am liebsten in asiatische Länder, doch Europa kann sich im internationalen Vergleich durchaus sehen lassen: Vier Millionen chinesische Besucher pro Jahr – damit ist Europa als Reiseziel nach wie vor beliebter als die USA. Die Besucher schätzen vor allem Landschaft, Kultur und Geschichte. Doch auch Shopping gilt als wichtiges Reisemotiv. Neben alt bekannten Reisezielen wie Paris oder Rom ziehen auch Orte, die ein wenig abseits der klassischen Touristenpfade liegen, aber dafür z.B. mit kommunistischer Vergangenheit aufwarten, die „roten Touristen“ aus China an. Montargis, Studienort Deng Xiaopings in Frankreich, oder Trier, die Geburtsstadt von Karl Marx,  verzeichnen stark wachsende Besucherzahlen aus China.

Die klassische Einsteiger-Reise führt chinesische Touristen nach Frankreich, Italien und in die Schweiz. Ein typischer Reiseplan sieht folgendermaßen aus:

Rom (2 Tage) ? Florenz (1 Tag) ? Venedig (1 Tag) ? Mailand (1 Tag) ? Luzern (1 Tag) ? Dijon (1 Tag) ? Paris (2 Tage).

„Berlin Tegel, acht Uhr früh, grauer Himmel. ‚Ist das Smog?‘, fragt Frau Tian auf dem Rollfeld, sie trägt eine dünne, mit Kirschen gemusterte Jacke. Ihr Mann schaut nach oben. ‚Nein, nur schlechtes Wetter.‘, beruhigte ich beide. Es ist Ende Januar, wir sind gerad e mit einer Lufthansa-Maschine, aus Shanghai kommend, gelandet. Ich habe – wie Frau Tian, ihren Mann und vier weitere Ehepaare, die zur neuen chinesischen Mittelschicht gehören – das All-Inclusive-Paket ‚Elf Tage unbeschwertes Deutschland‘ gebucht, für 2600 Euro pro Person. In der Broschüre verspricht der Veranstalter ein ‚Tiefenerlebnis auf Vier-sterne-Niveau‘. Das Erste, was meiner Reisegruppe auffällt, ist, wie klein der Hauptstadtflughafen einer europäischen Großmacht ist.“ Zitat aus „Deutschstunde“, erschienen im Süddeutsche Zeitung Magazin, von Xifang Yang

Wer sind die chinesischen Europa-Touristen?

Foto: Flickr, via Remon Rijper

Gruppenreisen dominieren den chinesischen Auslandstourismus. Dennoch differenziert sich der Markt mehr und mehr aus. Von einem typischen chinesischen Touristen kann man kaum noch sprechen. Darauf müssen sich die Tourismusstandorte einstellen und ihre Angebote entsprechend anpassen.

Der Individualtourismus wird stark zunehmen. Während Gruppenreisende häufig zum ersten Mal nach Europa reisen und in kurzer Zeit so viele Länder wie möglich besuchen, waren Individualtouristen meist schon häufiger im Ausland und auch in Europa. Doch auch bei Individualreisen abseits des „chinesischen Touristenmainstream“, werden die Reiseziele genau ausgewählt.  Oft ist dann die Verweildauer in einem Land länger. Der Luxustourismus spielt hierbei eine besondere Rolle. Angesichts der zunehmenden Millionärsdichte in China wächst auch die Zahl der superreichen Chinesen auf Reisen. Mit exklusiven Weintouren in Frankreich oder luxuriösen Ski-Aufenthalten in der Schweiz versuchen europäische Länder, für diese besonders konsumfreudige Gruppe attraktiver zu werden.

Chinesische Touristen in Europa – das ist ein Wachstumsmarkt, dem TUI schon 2012 eine ganze Studie widmete.

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Header-Bild: Flickr, via alvaro

Das 2013 gegründete Mercator Institute for China Studies (MERICS)mit Sitz in Berlin ist weltweit eines der größten Institute der gegenwartsbezogenen und praxisorientierten China-Forschung. MERICS ist eine Initiative der Stiftung Mercator.

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