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Chinesischer Tourismus in Deutschland: Wirtschaftsfaktor mit gewaltigem Potenzial

In Deutschland gehören Gäste aus China (inkl. Hongkong) mit 1,7 Millionen Übernachtungen (2013) schon heute zur mit Abstand größten Gruppe von Touristen aus Asien. Noch steht China damit im Vergleich zu anderen Ländern auf Platz 13. Für 2020 werden jedoch von der Deutschen Tourismuszentrale bereits 2,2 Millionen Übernachtungen vorausgesagt.

Chinesen kommen nicht nur zahlreich nach Deutschland, sie spülen auch viel Geld ins Land – deutlich mehr als Touristen anderer Länder. Inzwischen ist China im internationalen Ländervergleich Spitzenreiter beim Tax-Free-Einkauf in Deutschland. Für durchschnittlich 610 EUR kaufen chinesische Touristen in Deutschland zollfrei ein. Damit liegen sie noch vor den russischen Besuchern und decken 32 Prozent des gesamten deutschen Tax-Free Umsatzes ab. Die Spitzenposition erklärt sich durch das besondere Konsumverhalten der chinesischen Reisenden: 60 Prozent des Reisebudgets werden für Einkäufe ausgegeben – der weltweit höchste Anteil.

Infolgedessen profitiert der deutsche Einzelhandel neben dem Gast- und Hotelgewerbe am meisten von den chinesischen Besuchern. Insbesondere deutsche Markenartikel, die in China wegen ihrer Qualität einen ausgezeichneten Ruf genießen, stehen ganz oben auf den Einkaufslisten.

Ob Uhren von A. Lange & Söhne und Glashütte, Kleidung und Lederwaren von Hugo Boss, Koffer von Rimowa oder Haushaltwaren von WMFKPMFissler und Zwilling - hochpreisige deutsche Traditionsmarken können besonders punkten, nicht zuletzt weil diese in Deutschland günstiger sind als in China. Durch verbesserte Service-Angebote in den Geschäften, wie z.B. chinesischsprachige Verkäufer oder chinesische Beschilderungen, haben sich bereits viele Händler auf die wachsende Kundschaft eingestellt. Schlagzeilen machte z.B. der Frankfurter Flughafen, als er 2012 „Chinese Personal Shopper“ einstellte. 

Einzelne Regionen in Deutschland profitieren besonders vom Zulauf chinesischer Touristen. Einkaufsziel Nummer 1 mit knapp 100.000 chinesischen Besuchern im Jahr 2013 ist Frankfurt. 38 Prozent der Umsätze, die chinesische Touristen dem deutschen Handel bescheren, entfallen auf Frankfurt. In keiner anderen deutschen Stadt gaben die Chinesen mehr Geld aus - im Durchschnitt 900 EUR. Danach folgen München, Berlin und Köln. Berlin, Potsdam, Dresden, Bamberg, Nürnberg, Neuschwanstein, Zugspitze, München, Metzingen, Stuttgart, Heidelberg, Köln und Frankfurt in elf Tagen - so sieht eine beliebte Reiseroute der Deutschland-Touristen aus China aus.

Am Ende einer solchen Reise hat eine zehnköpfige Reisegruppe aus China knapp 50.000 EUR ausgegeben – allein für Shopping. Die Potenziale des chinesischen Besucherverkehrs für den deutschen Einzelhandel wie auch für das Hotel- und Gastgewerbe sind unbestritten hoch. Zudem versprechen die Mehreinnahmen durch den Zulauf chinesischer Touristen die Schaffung neuer Arbeitsplätze, insbesondere in der Tourismusbranche. Doch hält der Trend wirklich an? Im zweiten Quartal 2014 sanken die Ausgaben chinesischer Touristen erstmalig. Auch in Berlin gingen die Umsätze zurück. Zum einen liegt das an der aktuellen Anti-Korruptionskampagne in China, die die Kauflust der Chinesen schmälert. Zum anderen verbietet ein neues Tourismusgesetz in China den chinesischen Reiseagenturen die Vermittlung reiner Kaffeefahrten, während derer die Touristen kaum etwas anderes im Ausland sehen als Einkaufszentren. Wie stark sich Anti-Korruptionskampagne und Tourismusgesetz tatsächlich auf das Kaufverhalten der Chinesen auswirken, lässt sich jedoch nur schwer voraussagen. Bisher ist der Einfluss punktuell zu spüren, aber nicht dramatisch.

Der Wettbewerb um chinesische Touristen ist eröffnet – Deutschland schneidet im europäischen Vergleich nicht besonders gut ab

Quelle: CNTA, via CEIC

Europa liegt im internationalen Vergleich zwar an erster Stelle in der Gunst chinesischer Reisender, aber die Konkurrenz unter den europäischen Ländern ist groß. Frankreich und Italien haben Deutschland als beliebtestes Zielland chinesischer Touristen gemessen an den Einreisen 2013 und 2011 überholt.

Laut Angaben der staatlichen chinesischen Tourismusbehörde reisten 2013 insgesamt 415.000 Chinesen aus China über Deutschland in die Schengenstaaten ein. Die Anzahl chinesischer Einreisen nach Deutschland wächst zwar absolut – somit profitiert Deutschland vom weltweiten Boom des chinesischen Auslandstourismus – doch die Zahlen steigen weniger stark als in anderen EU-Ländern. 

Während französische Visastellen in China Steigerungsraten von über 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichnen, liegen die deutschen Visastellen in China mit einer Steigerung von 10 Prozent deutlich darunter.

Der Vergleich der Einreisen aus China nach Deutschland (415.000) mit den Übernachtungen von Chinesen in Deutschland (1,7 Millionen) legt die Vermutung nahe, dass viele chinesische Touristen nicht direkt einreisen, sondern die Reisefreiheit innerhalb der Schengenstaaten nutzen und über einen anderen Schengenstaat nach Deutschland eingereist sind. Das mag für Chinesen, die zum ersten Mal nach Europa reisen und häufig mehrere Länder auf einmal besuchen, kein Hindernis sein. Doch mit der zu erwartenden Zunahme des Individualtourismus, kann der Einreiseaufwand über das Für und Wider eines Reiseziels entscheiden. 

Französische und italienische Visastellen in China bearbeiten überwiegend Touristenvisa. Bei deutschen Visastellen sind die Mehrheit der Antragsteller dagegen keine Touristen sondern Geschäftsreisende. Darin könnte man ein Alleinstellungsmerkmal Deutschlands sehen, das sich zu einem Wettbewerbsvorteil ausbauen ließe, denn auch Geschäftsreisende und Investoren aus China bergen viel wirtschaftliches Potenzial für Deutschland. Doch nach Angaben der DIHK ist das tatsächliche Verhältnis zwischen Urlaubsreisen und Geschäftsreisen von Chinesen in Deutschland genau andersherum: 68 Prozent der Reisen sind Urlaubsreisen und nur 27 Prozent Geschäftsreisen. Das ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass die direkte Einreise nach Deutschland für chinesische Touristen im Vergleich zu anderen Schengenstaaten schwieriger ist.

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Das 2013 gegründete Mercator Institute for China Studies (MERICS)mit Sitz in Berlin ist weltweit eines der größten Institute der gegenwartsbezogenen und praxisorientierten China-Forschung. MERICS ist eine Initiative der Stiftung Mercator.

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