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6,28Der Wechselkurs des chinesischen Yuan zum US-Dollar stand am 07. Februar bei 6,28 zu 1. Damit war der Yuan gegenüber dem Dollar so stark wie seit seiner Abwertung 2015 nicht mehr. Exporteure in China betrachten die anhaltende Stärke des Yuan mit Sorge. Seitdem ist der Yuan um knapp 1% abgewertet, eine der höchsten Abwertungen seit 2015.

Thema der Woche: Seidenstrassen-initiative

China CELAC Forum, January 2018
Der chinesische Außenminister Wang Yi ruft in Santiago de Chile auf dem Forum der Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten und Chinas (CELAC) zur Beteiligung an der BRI auf. Foto von Cancillería del Ecuador via flickr (CC BY-SA 2.0)

 

Chinas Pläne für Lateinamerika sorgen in Washington für Unruhe

Beijings Vorhaben, die Seidenstraßen-Initiative (BRI) auf den amerikanischen Kontinent auszudehnen, lässt in Washington die Alarmglocken klingeln. Vor seiner ersten Lateinamerika-Reise als US-Außenminister warnte Rex Tillerson die Region, sich „neuen imperialen Mächten“ zu öffnen. In einer Rede in Austin erwähnte er explizit China und sagte, dass Beijings Entwicklungsweg „oft den Tausch von kurzfristigen Gewinnen gegen eine langfristige Abhängigkeit bedeute“.

In einer Anhörung vor der Kommission für US-chinesische Wirtschafts- und Sicherheitskooperation des Kongresses warnten verschiedene führende China-Experten vor dem wachsenden strategischen Wettbewerb mit China. Sie riefen die USA auf, sich in den von der Seidenstraßen-Initiative berührten Regionen wieder Geltung zu verschaffen.

Der chinesische Außenminister Wang Yi hatte Ende Januar in Santiago de Chile auf dem Forum der Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten und Chinas (CELAC) zur Beteiligung an der BRI aufgerufen. Kurz darauf veröffentlichte China sein erstes Weißbuch zur Arktis. Darin erklärt China seine Absicht, eine „Polare Seidenstraße“ (冰上丝绸之路) zu bauen. Das Vorhaben hatte Chinas Präsident Xi Jinping vergangenes Jahr in Moskau das erste Mal geäußert.

Chinesische Diplomaten hatten auf ihren Reisen nach Lateinamerika schon länger für die BRI geworben und vertiefte Handels- und Investitionsverbindungen in Aussicht gestellt. 2014 erreichten chinesische Auslandsinvestitionen in lateinamerikanischen Ländern 106 Mrd. USD. Auch die Arktis ist seit einiger Zeit auf Chinas Radar. 2013 wurde das Land Mitglied im Arctic Council. Außerdem sorgten chinesische Wissenschaftler für Verärgerung, wenn sie vom „nahen Arktisstaat“ (近北极国家) sprachen. Ein Arktis-BRI-Projekt gibt es bereits: eine Investition in das Flüssiggasprojekt Yamal LNG, das sich in Besitz des chinesischen Seidenstraßenfonds befindet und auch von diesem betrieben wird.

US-Reaktionen auf die Pläne für eine polare Seidenstraße sind bislang nicht bekannt. In Kanada fielen die Reaktionen unterschiedlich aus. Einige Experten äußerten sich besorgt, dass Beijing Kanadas Präsenz in der Arktis herausfordern könnte. Andere erkannten Chancen für mehr Handel mit China.

Sabine Mokry, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Programm Internationale Beziehungen am MERICS: "Auch in westlichen Ländern erwacht langsam das Bewusstsein, dass die Seidenstraßen-Initiative weit-reichende geopolitische Folgen hat und mehr ist als ein regionales Infrastrukturprojekt. Die Initiative ist ein außenpolitisches Konzept mit dem Ziel, China in jeder Region der Welt Einfluss zu sichern und China als führende Weltmacht zu etablieren."

China und die Welt

Australien wehrt sich gegen Chinas wachsenden Einfluss

Australien verstärkt seine Anstrengungen, Chinas wachsendem Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zurückzudrängen. Am 31. Januar wurde bekannt, dass der australische Geheimdienst (ASIO) die Volksrepublik China als „extreme Bedrohung" auf dem Länder-Abschirm-Index eingestuft hat. Chinesische Spionage und Einflussnahme in Australien hätten ein Niveau erreicht, das an den Kalten Krieg erinnere, sagte Berichten zufolge der stellvertretende Generaldirektor Peter Vicker. Die Einflussversuche seien nicht nur auf die politische Ebene, sondern auf „die Gesellschaft als Ganzes“ gerichtet.

Nach einem Bericht der Financial Times“ erwägt die australische Regierung, als Reaktion auf chinesische Aktivitäten in diesen Bereichen die Regeln für Auslandsinvestitionen in Stromversorgung, Infrastruktur und Agrarflächen zu verschärfen. Ein im vergangenen Jahr angeblich auf Druck Chinas veröffentlichtes Buch über Chinas Einflussnahme in Australien soll nun laut Medienberichten mit Verspätung im März veröffentlicht werden.

Australien und Neuseeland standen schon länger im Zentrum chinesischer Auslandsaktivitäten, inzwischen haben sich Chinas Beeinflussungsversuche auch auf Regionen jenseits der direkten geopolitischen Einflusssphäre in der asiatisch-pazifischen Region verlagert. Eine aktuelle Studie von MERICS und dem Global Public Policy Institute zeigt, dass China auch in den EU-Staaten seinen Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der jeweiligen Länder auszudehnen versucht.  

Die Aussicht auf chinesische Investitionen hat vor allem bei ost- und südeuropäischen Regierungen eine wachsende Distanz gegenüber einer gemeinsamen europäischen China-Politik bewirkt. Beijing versucht gezielt, die öffentliche Diskussion über China zu beeinflussen, indem es in europäischen Medien bezahlte Beilagen veröffentlichen lässt und das Netz von Konfuzius-Instituten stetig vergrößert. Darüber hinaus beginnt China, auch die akademische Forschungsagenda und den Austausch zu steuern, indem es gezielt Denkfabriken in China fördert und chinesische Studentenvereinigungen an europäischen Universitäten gründen lässt.

MERICS-Analyse: “Authoritarian Advance: Responding to China’s Growing Political Influence in Europe”, aktuelle Studie mit dem Global Public Policy Institute (GPPi).

"China's road to influence in Europe can't be a one-way street". Blogbeitrag von Sabine Muscat und Kristin Shi-Kupfer.

China verstärkt Engagement in Afghanistan

Beijing entsendet den ehemaligen Direktor des Seidenstraßenfonds als neuen Botschafter nach Kabul und bekräftigt damit sein wachsendes strategisches Interesse an Afghanistan. Die Ernennung von Liu Jinsong, die am 29. Januar bekannt gegeben wurde, zeigt, dass Beijing Afghanistan als wichtigen Partner im Rahmen der weitreichenden Seidenstraßen-Initiative (BRI) sieht. Diese zielt darauf ab, Infrastruktur- und Kommunikationskorridore zu schaffen, die China mit Zentralasien und Europa verbinden.

Die Ernennung Lius, der aus der chinesischen Unruheprovinz Xinjiang stammt, zeigt auch, dass China zum Schutz eigener Grenzregionen die Sicherheits- und Anti-Terrorismus-Kooperation mit Afghanistan als zentral betrachtet. Die chinesische Führung ist besorgt, dass uighurische Extremisten sich in Afghanistan verstecken und Anschläge in China vorbereiten könnten.

China hatte die Sicherheitszusammenarbeit mit Afghanistan in den vergangenen Monaten schrittweise intensiviert. Die chinesische Regierung bemühte sich um eine Wiederbelebung der Friedensgespräche mit den aufständischen Taliban und vermittelt auch zwischen Afghanistan und Pakistan. Ende Dezember stellten die drei Seiten bei ihrem ersten Außenministerdialog in Beijing Pläne für eine Ausweitung des China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) bis nach Afghanistan vor.

Medienberichten zufolge plant China zudem den Bau einer Militärbasis im Norden Afghanistans, im Wachan-Korridor. Beijing hat dies allerdings dementiert. Doch selbst wenn sich die Meldungen als Gerüchte erweisen sollten gilt es als wahrscheinlich, dass China Militäreinrichtungen in der Region aufbauen will, zum Beispiel in der Hafenstadt Gwadar.

MERICS Analyse: "China Global Security Tracker" von Helena Legarda. Neue Veröffentlichung im Rahmen der Kooperation von MERICS mit dem International Institute for Strategic Studies (IISS).

Innenpolitik, Gesellschaft und Medien

Xi Jinpings engster Vertrauter Wang Qishan steht vermutlich vor politischem Comeback

Wang Qishan ist langjähriger Weggefährte von Partei- und Staatschef Xi Jinping. Auf dem Parteitag im Oktober war der ehemalige oberste Korruptionsbekämpfer altersbedingt aus dem mächtigsten Parteigremium, dem Ständigen Ausschuss des Politbüros, ausgeschieden. Nun sorgen Berichte für Aufsehen, dass der 69jährige für die zentralchinesische Provinz Hunan einen Sitz im Nationalen Volkskongress (NVK) übernimmt. Es wird spekuliert, Wang stünde vor seinem politischen Comeback. Im März tagt der NVK und könnte entsprechende Ernennungen vollziehen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten war es üblich, dass alle Regierungsvertreter einen Sitz im Nationalen Volkskongress haben. Zuletzt war sechs der sieben aktuellen Mitglieder im Ständigen Ausschuss des Politbüros über verschiedene Provinzen ein Sitz im NVK zugesichert worden. Nun könnte auch Wang in den Volkskongress berufen werden. Für Parteiämter gilt in China eine Altersgrenze von 68, Inhaber wichtiger Regierungsposten dürfen auch älter sein. Wang wird im Juli 70 Jahre alt.

Viele Beobachter rechnen damit, dass Wang in der nächsten Regierung die Position des stellvertretenden Staatspräsidenten übernimmt. Zuletzt waren damit keine großen Machtbefugnisse verbunden. Dies könnte sich jedoch ändern, wenn ein einflussreicher Politiker das Amt übernimmt, der die Rückendeckung Xis genießt.

China verspricht Lehrern bessere Ausbildung und mehr Gehalt

Chinas knapp 16 Millionen Erzieher und Lehrer gelten als überlastet und unterbezahlt. Deshalb war es zuletzt immer schwerer, geeignete Kandidaten zu finden. Auch jüngst von chinesischen Medien aufgedeckte Fälle von Misshandlungen in Kindergärten haben die öffentliche Debatte um die Qualitätssicherung in der Erziehung neu entfacht.

Nun kündigte die Regierung an, Lehrer für die „neue Ära“ ausbilden zu wollen. Am 20. Januar veröffentlichte der Staatsrat eine entsprechende Erklärung. Die Qualität der Erziehung soll verbessert werden, indem künftig die Gesamtausbildung reformiert und ein stärkerer Fokus auf Innovation gelegt wird. Der Auswahlprozess soll strenger ausfallen. Gleichzeitig soll es mehr Fortbildungen geben.

Darüber hinaus geht es darum, dass Lehrer künftig stärker als bislang politische und soziale Pflichten übernehmen. Darunter fällt auch die patriotische Ausbildung ihrer Schützlinge. Das Gehalt von Lehrern und Erziehern (von Kindergärten bis zur Universität) soll mindestens auf das Niveau entsprechender lokaler Regierungsbeamter angehoben werden.  

Ob die angekündigten Änderungen tatsächlich kurzfristig umgesetzt werden, bleibt unklar. Das Lehrergesetz von 1994 sah bereits eine Bezahlung vor, die sich mindestens an dem Niveau anderer vergleichbarer Beamtenpositionen orientiert. Mancherorts warten die chinesischen Lehrer jedoch bis heute auf diese Anpassungen.

Wirtschaft, Finanzen und Technologie

Partei und Regierung intensivieren Modernisierung der ländlichen Regionen

Das erste in diesem Jahr vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas und dem Staatsrat verabschiedete Dokument hat sich der Tradition folgend den ländlichen Regionen gewidmet. Die drei Themen Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Bauern stehen angesichts weiter wachsender Einkommensunterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung weiterhin ganz oben auf der Agenda der chinesischen Führung. 

Anders als in den vergangenen 15 Jahren geht es in der am 4. Februar mit Dokument Nr. 1 vorgelegten Strategie zur „ländlichen Vitalisierung“ jedoch nun um eine längerfristige Planungsperspektive bis zum Jahr 2050. Eine ganze Bandbreite von Themen soll in den ländlichen Gebieten angegangen werden, von Beschäftigung über Handel, Ungleichheit, Produktivität bis zu Umwelt und Fragen der Regierungsführung. Eine Reform der Landrechte hin zu flexibleren Nutzungsrechten soll Effizienzgewinne bringen. Bis 2050 soll das Ziele eines starken landwirtschaftlichen Sektors, „schöne Landschaften“ und wohlhabende Bauern sollen erreicht sein. 

42 Prozent der chinesischen Bevölkerung leben noch auf dem Land. Traditionell spielen die „drei ländlichen Themen“ Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Bauern für die KPC eine wichtige Rolle. Nur wenn eine Modernisierung und Wiederbelebung des landwirtschaftlichen Sektors gelingt, erscheint es realistisch, dass die KPC ihr selbstgestecktes Jahrhundertziel erreicht, eine Gesellschaft von „bescheidenem Wohlstand zu schaffen. Die in der nun veröffentlichten Strategie genannten Ziele sind ungewöhnlich konkret – ein Hinweis, dass die Verbesserung der Lage in ländlichen Regionen für die Partei an Dringlichkeit gewonnen hat.

Deutsche Bank-Großaktionär HNA betrachtet sich als Opfer von Verschwörungen

In einer Rede vor Vorstandskollegen hat der stellvertretende Vorsitzende des Konzerns HNA, Wang Jian, die jüngsten Attacken auf den Konzern als von „reaktionären Kräften in und außerhalb Chinas“ orchestriert bezeichnet. Diese wollten Chinas Aufstieg verhindern und seien Teil einer „großen Verschwörung gegen das ZK der KPC mit Xi Jinping im Zentrum“, sagte Wang Berichten zufolge am 3. Februar.

Aufzeichnungen seiner Rede zufolge soll Wang wirre Theorien geäußert und von einem lange geplanten „Komplott“ gesprochen haben: „Erst wollen sie die gesamte chinesische Wirtschaft zerstören, dann HNA. Auf diese Weise wollen sie soziale Unruhen verursachen, den 19. Parteitag stürzen, Chinas Seidenstraßen-Initiative und weitere Reformen verhindern.“ Gleichzeitig betonte Wang demnach die Loyalität von HNA. „Wir befinden uns in einer großen Transformation, wir verwirklichen die großen Träume unseres Generalsekretärs“, appellierte Wang an die Mitarbeiter, auch in schwierigen Zeiten stark zu bleiben.

Wegen seiner undurchsichtigen Eigentümerstruktur war die private Unternehmensgruppe aus Hainan, die sich hauptsächlich im Luftverkehr und Tourismus engagiert, wiederholt ins Visier der ausländischen Behörden geraten. Chinesische Behörden wiederum haben HNA wegen der hohen Verschuldung und der expansiven Übernahmestrategie im Ausland im Visier. Das Konglomerat ist nach milliardenschweren Zukäufen im Ausland (unter anderem Anteile an der Deutschen Bank und der Hilton Gruppe) hoch verschuldet. Seit Ende vergangenen Jahres häufen sich Hinweise auf Finanzierungsschwierigkeiten.

Im Januar hatte HNA seine Gläubiger dann selbst über einen möglichen Liquiditätsengpass von mindestens 2,4 Milliarden Dollar informiert, der im ersten Quartal 2018 auftreten könne, wenn Rückzahlungen fällig werden. Dies könnte auch die Deutsche Bank treffen, deren Großaktionär die HNA-Group inzwischen ist.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters unterdessen berichtete, hat die HNA-Tochter Real Estate Insidern zufolge entgegen früherer Zusagen eine Kredittranche nicht vorzeitig zurückgezahlt. Offiziell ist die Zahlung zwar erst Mitte Februar fällig, doch der Gläubiger Citic Trust habe wegen des chinesischen Neujahrsfestes und der Sorgen um die Liquidität von HNA um eine Rückzahlung gebeten. Entgegen aller Zusicherungen sei das Geld bislang nicht eingegangen. Die HNA-Real Estate-Mutter HNA Infrastructure versicherte unterdessen, das Unternehmen sei in der Lage, die fälligen Zahlungen zu leisten.

Wang dementierte in seiner Rede Berichte, dass HNA hoch verschuldet sei. Der Verschuldungsgrad sei vielmehr in den vergangenen acht Jahren kontinuierlich gesunken.

Daimlers China-Geschäft im Fokus

Daimlers wachsende Abhängigkeit vom chinesischen Markt hat sich zu einem zweischneidigen Schwert für den deutschen Automobilhersteller entwickelt. Analysten hatten gerade von verbesserten Aussichten für Daimler gesprochen, nachdem Gerüchten zufolge der chinesische Automobilhersteller Geely Anteile an dem deutschen Unternehmen erwerben wollte. Sie vermuten, dass Daimler auf diese Weise einen starken Partner für die Entwicklung der Elektromobilität an seiner Seite haben könnte.

Gleichzeitig aber sorgte Daimler für eine weltweite PR-Katastrophe, indem es sich öffentlich bei China dafür entschuldigte, ein Zitat des Friedensnobelpreisträgers Dalai Lama für eine Werbekampagne auf Instagram genutzt zu haben. Zwar ist Instagram offiziell in China gesperrt, dennoch hatten aufmerksame chinesische Nutzer das Zitat entdeckt und sich offensichtlich beschwert. Unter dem Hashtag #MondayMotivation war auf dem Social Media-Konto das Zitat erschienen: „Betrachte eine Situation aus allen Blickwinkeln und Du wirst offener werden.“

Noch am selben Nachmittag löschte Daimler das Zitat und veröffentlichte eine Entschuldigung über Chinas staatlich-kontrolliertes Social Media Netzwerk Weibo. Darin entschuldigte sich das Unternehmen „bei den Menschen in diesem Land“ und versprach, "unverzüglich unser Verständnis von der chinesischen Kultur und ihren Wertvorstellungen zu vertiefen" und dafür Sorge zu tragen, dass sich so ein Vorfall nicht wiederholen werde.“ Später platzierte Daimler noch eine Entschuldigung auf Instagram. Der parteistaatlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge entschuldigte sich Daimler auch in einem Schreiben an den chinesischen Botschafter in Deutschland.

Die Süddeutsche Zeitung kritisierte, Daimler habe mit dem „Kniefall vor Peking seine Seele verkauft.“ In einem Kommentar heißt es, der Zufall wolle es, dass sich dies just an dem Tag zugetragen habe, an dem eine neue Studie von MERICS und dem Global Public Policy Institute zu Chinas wachsendem Einfluss in Europa erschien. Daimler ist nicht das erste internationale Unternehmen, das dazu gedrängt wird, chinesischen Forderungen nachzugeben. Die Hotelkette Marriott, die Fluggesellschaft Delta und der Modehersteller Zara sahen sich unlängst genötigt, sich bei China dafür zu entschuldigen, dass sie Taiwan, Tibet und Hongkong auf ihren Webseiten als eigenständige Länder bezeichnet hatten.

China ist der weltweit größte Automobilmarkt und auch für Daimler von wachsender Bedeutung, sowohl hinsichtlich der Absatzzahlen als auch der Umsatzgewinne. Die Daimler-Umsätze waren dort im vergangenen Jahr um mehr als 25 Prozent gestiegen. Wie andere ausländische Hersteller auch steht Daimler allerdings zunehmend unter Druck, die Produktion von Elektro- und Hybridautos auszuweiten, weil in Kürze Chinas neue Quoten für Elektromobilität in Kraft treten.

Gleichzeitig verfolgen immer mehr chinesische Autohersteller globale Ambitionen. Darunter auch Geely, eines von Chinas führenden privaten Automobilunternehmen. Geely hat bereits in verschiedene internationale Automarken wie Volvo, Proton und Lotus investiert. Der Anteil an Daimler, von dem nun die Rede ist, soll bei unter drei Prozent liegen. Damit wäre der deutsche Hersteller nicht gezwungen, das Geschäft zu veröffentlichen. Berichten zufolge hatte Daimler im vergangenen November das Angebot Geelys ausgeschlagen, einen fünfprozentigen Anteil zu übernehmen.

Der Europäische Blick

Britische Premierministerin May in China: Ein Date mit der Wirklichkeit

Während ihrer dreitägigen China-Reise hat die britische Premierministerin Theresa May einen Vorgeschmack auf den steinigen Weg bekommen, der nach dem Brexit noch vor Großbritannien liegen dürfte. Im September hatte May in ihrer inzwischen legendären Rede in Florenz angemerkt, dass „Großbritannien sich in der EU nie richtig zuhause gefühlt“ habe. Nach ihrer China-Reise vergangene Woche könnten die Briten den Eindruck gewonnen haben, dass das neue „globale Britannien“, das von der Tory-Regierung propagiert wird, sich außerhalb der EU noch weniger zuhause fühlen kann.

May reiste nach Beijing, um die Investitions- und Handelsbeziehungen mit China zu stärken, vielleicht sogar ein Freihandelsabkommen zu vereinbaren. Doch sie musste feststellen, dass ihr Besuch nicht zu den obersten Prioritäten der chinesischen Parteiführung zählte. Zwar wurden im Beisein Mays Wirtschaftsabkommen im Wert von neun Mrd. Britischen Pfund (etwa zehn Mrd. EUR) unterzeichnet, darunter Abkommen in der Luftfahrt, im Energiesektor und in der Landwirtschaft. Doch dies ist wenig verglichen mit dem Vertragspaket in Höhe von 40 Mrd. Britischen Pfund, das bei Xis London-Besuch 2015 geschnürt wurde.

Mays Kritik an der der fehlenden Marktöffnung für ausländische Investoren und dem Abbau von Stahl-Überkapazitäten in China verhallte. Beide Länder einigten sich lediglich auf eine Überprüfung der Handelsbeziehungen. Eines der wenigen Zugeständnisse, das Beijing machte, war das Angebot, das Importverbot für britisches Rindfleisch zu prüfen, das noch aus der BSE-Ära stammt. 

May widerstand der Erwartung Pekings, in einer Absichtserklärung Unterstützung für die chinesische Seidenstraße zu bekunden. Die britischen Medien hatten wenig Lob für Mays Standfestigkeit übrig, sondern kritisierten vielmehr, dass Hongkong und die Menschenrechte kaum eine Rolle bei Mays Gesprächen mit der chinesischen Führung gespielt hätten. 

MERICS-Analyse: "In China, Theresa May’s "Global Britain" had a date with reality". Blogbeitrag von Jan Gaspers, Leiter der European China Policy Unit am MERICS.

Mad Merix

Kleiner Frosch macht Furore

Ein virtueller Frosch, der Japan bereist, hat in China einen Hype ausgelöst. Das neue Handyspiel Tabi Kaeru oder Travel Frog der Firma Hit-Point wurde rund 200 Millionen Mal im Apple Store heruntergeladen. In China scheint das Spiel einen besonderen Nerv getroffen zu haben – 96 Prozent der Downloads landeten nämlich auf chinesischen Smartphones.

Das Spiel ist recht einfach aufgebaut: Um den Frosch auf Reisen zu schicken, muss man sich um ihn und seinen Reiseproviant kümmern. Der Frosch verschwindet daraufhin nach Lust und Laune und ohne jegliche Kontrolle der Spieler für einige Stunden oder auch Tage und taucht mit neuen Fotos von seinen Reisestationen in Japan und mitgebrachten Snacks wieder auf.

Warum das Spiel einen derartigen Anklang findet, ist bisher unklar. Einige spekulieren, dass das Spiel durch den geringen Aufwand zur Entspannung beitrage. Andere glauben, dass es besonders die Reiselust der Jüngeren anspricht. Vielleicht ist der Hype aber auch mit dem Tamagotchi-Fieber der 1990er Jahre zu vergleichen. Damals wurde das Spiel besonders von Jugendlichen gespielt, die kein echtes Haustier halten konnten. Durch die Fürsorge für den virtuellen Frosch glauben manche Jugendliche nun vielleicht, das Verantwortungsgefühl echter Eltern zu verstehen. Sie wollen sich sogar wie der Frosch verhalten und künftig ähnliche Fotos an ihre Eltern schicken, wenn sie auf Reisen sind.

Apropos: Die Reiseindustrie profitiert von dem Spiel. Denn das Fernweh des Froschs überträgt sich offensichtlich. Zwar gehört Japan schon seit Jahren zu den beliebtesten Reisezielen der Chinesen. Die Buchungen zu Orten, die der Frosch besuchte, haben sich jedoch innerhalb eines Monats mehr als verdoppelt.