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„Der globale Siegeszug von ‚Silicon China‘: Wie sich Europa wappnen kann“

Entsteht in China ein zweites ‚Silicon Valley‘? Verfügt China bereits über einen entscheidenden Vorsprung im Bereich Big Data und Künstlicher Intelligenz (KI)?  Wie kann und sollte Europa auf die aufkeimende chinesische Dominanz reagieren? Über diese Fragen diskutierten André Loesekrug-Pietri, Mitbegründer der Innovationsagentur J.E.D.I. (Joint European Disruptive Initiative), und Stephan Scheuer, Journalist und langjähriger China-Korrespondent für dpa und Handelsblatt, am 31. Oktober in der MERICS China Lounge.

Im Austausch mit Moderatorin Claudia Wessling umrissen sie ‚Chinas Masterplan‘ im Bereich Digitalisierung und die Gründe für den Erfolg Chinas im Bereich Big Data und künstlicher Intelligenz. Die beiden geladenen Gäste waren sich einig, dass der Erfolg chinesischer Internetunternehmen eng mit dem chinesischen Wirtschaftssystem zusammenhänge. Konzerne wie Tencent oder Alibaba hätten in ihrem Marktsegment keine staatliche Konkurrenz vorgefunden und konnten sich deshalb frei entfalten. Zudem seien ausländische Wettbewerber systematisch vom Markt ausgeschlossen worden. Auf diese Weise hätten sich chinesische Internetunternehmer in den 1990ern trotz erheblicher Risiken erfolgreich etablieren können.

China Lounge_Panel

Weitere Gründe für Chinas Innovationskraft sei laut Scheuer im erfolgreiche Netzausbau unter Chinas ehemaligem Partei- und Staatschef Hu Jintao zu suchen. Er habe den Grundstein für die heutigen Erfolge gelegt. In Zukunft werde China den beiden Experten zufolge in der KI-Forschung eine Vorreiterrolle einnehmen. Erstmals seit Beginn der Industrialisierung bestehe die Chance, dass ein Land außerhalb der ‚westlichen Hemisphäre‘ eine Schlüsseltechnik entwickeln könne. Scheuer zufolge liege das auch an einem besonderen chinesischen Wettbewerbsvorteil: Die chinesische Regierung sei bereit, persönliche Daten mit privaten Unternehmen zu teilen. Patientendaten beispielsweise bildeten die Grundlage für Technologieentwicklungen ‚Made in China‘ und zögen ausländische Investoren an. Um qualitativ hochwertige Algorithmen zu entwickeln, sei die Nutzung solcher Daten vonnöten.

Wie aber sollte Europa auf diese Entwicklung reagieren? Schließlich muss sich Europa aus sicherheitspolitischen und datenschutzrechtlichen Gründen Gedanken machen, ob Innovationen aus China auch hier eingesetzt werden dürfen. Loesekrug-Pietri zufolge sei damit zu rechnen, dass China in nächster Zeit stark in Europa investiere. Aufgrund der Abschottung der USA würden Gelder in den europäischen Markt umgelenkt.

Beide Gäste stimmten darin überein, dass die Europäische Datenschutz-grundverordnung ein erster Schritt sei, um adäquat auf chinesische Wirtschaftsaktivitäten in Europa zu reagieren. Europa sei ein wichtiger Markt für China. Um den Marktzugang zu behalten, hielten sich chinesische Unternehmen deshalb an europäisches Recht.

Statt sich in einzelnen nationalstaatlichen Aktivitäten ‚zu verhaspeln‘, solle die EU künftig laut Loesekrug-Pietri  eine einheitliche Strategie fahren. Europa müsse‚ radikal innovativen Lösungen‘ entwickeln und so einen Spitzenplatz in der KI-Forschung einnehmen. Deshalb sei die von ihm mitgetragene Initiative J.E.D.I so wichtig. Die Agentur ist nach dem Vorbild der amerikanischen Innovationsagentur Darpa gegründet und fördert Innovationen in der Technologieforschung. Zügig und unkompliziert soll so innovative Forschung ‚Made in Europe‘ möglich gemacht werden. Auf diese Weise würden Wissenschaftstalente langfristig an Europa gebunden, die derzeit häufig nach China abwanderten.

Hier können Sie sich einen Podcast zum Thema mit den beiden Lounge-Gästen anhören.

China Lounge Scheuer and Claudia Wessling