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Religion und die Suche nach Werten rücken ins Zentrum

Über die Bedeutung von Religion und Glauben im von einer Kommunistischen Partei regierten China sprach Journalist und Buchautor Ian Johnson in der MERICS China Lounge. Johnson berichtet für die „New York Times“ und die „New York Review of Books“ aus Beijing, er lebt seit mehr als 20 Jahren in China. Seine zentrale These: „Religion und die Suche nach Werten sind ins Zentrum der nationalen Diskussion in China gerückt.“

Johnson schilderte im Gespräch mit Claudia Wessling, Leiterin Kommunikation am MERICS, den Boom der Religion in China. Die Kulturrevolution, aber auch der rasante wirtschaftliche Aufstieg des Landes habe bei vielen Menschen eine Suche nach Werten und Sinn ausgelöst. In religiösen Gemeinden fänden zudem Migranten aus ländlichen Regionen Kontakt zu anderen Menschen und Aufnahme in eine Gemeinschaft. Wenige glaubten noch an die Werte des Kommunismus, sagte Johnson.

Das Verhältnis zwischen Staat und Religion beschrieb Johnson als gespannt. 2017 seien erstmals seit 15 Jahren neue Regeln für religiöse Gemeinschaften erlassen worden. Mit dem Konzept „Sinisierung der Religion“ strebt Xi Jinping an, die Führerschaft der Kommunistischen Partei über die Religion zu festigen. Die Hälfte aller protestantischen Haus- und Untergrundkirchen in China sind derzeit nicht registriert. Viele sind nicht bereit, sich einer der offiziell anerkannten Kirchen anzuschließen, die mit der Kommunistischen Partei kooperieren.

Die protestantischen Gruppen werden, so berichtete Johnson, von der chinesischen Regierung zunehmend argwöhnisch beobachtet, weil sie zum Teil enge Verbindungen ins Ausland haben und von dort finanziell aber auch organisatorisch unterstützt werden. „Protestantische Gemeinden sind die größte zivilgesellschaftliche Kraft in China, vielleicht die einzige“, sagte Johnson mit Blick auf das Vorgehen gegen Bürgerrechtler oder Menschenrechtsanwälte, deren Stimmen kaum noch zu hören seien. Protestantische Gemeinden rekrutierten ihre Mitglieder vor allem aus jungen, gebildeten und gutsituierten Städtern. Er gehe davon aus, dass sich die Lage christlicher Gemeinden in China in den kommenden Jahren nicht verbessern werde.

Im Gegensatz dazu unterstützt die Regierung in Beijing jene Religionen, die als traditionell chinesisch wahrgenommen werden. Dazu gehören der Buddhismus, Daoismus aber auch Volksreligionen, die vor wenigen Jahren noch als abergläubisch abgelehnt wurden. Diese einheimischen Religionen erhielten finanzielle Unterstützung des Staats und könnten auch an Schulen wieder gelehrt werden, berichtete Johnson.

Zu den möglichen Ursachen für die begrenzte Toleranz sagte Johnson, die Regierung habe die enorme Popularität, aber auch das Bedürfnis vieler Menschen nach Spiritualität erkannt: „Die vergangenen 100 Jahre waren traumatisch für China, die Menschen wollen alte Religionen und Kulturen wiederbeleben und pflegen.“ Xi, der sich in den Anfängen seiner Regierungszeit auch mit ranghohen buddhistischen Priestern traf und demonstrativ den Geburtsort von Konfuzius besuchte, sei bewusst, dass eine begrenzte Freiheit der Religionsausübung stabilisierend wirken und die Herrschaft der Kommunistischen Partei festigen könne.

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