MERICS Lunch Talk mit Dr. Oliver Corff

21. September 2016 

Es ist eine Mammutaufgabe, die Chinas Präsident Xi Jinping angekündigt hat: Die Volksbefreiungsarmee (People’s Liberation Army, PLA) will er umfassend modernisieren. Noch in den fünfziger Jahren war diese eine riesige Truppe mit fünf Millionen Soldaten – und damit einer der wichtigsten Arbeitgeber der Volksrepublik. 2015 dienten noch mehr als zwei Millionen Soldaten in der Truppe, und die Befehlshierarchie wird teilweise komplett neu gestaltet. Das Vorbild für die territoriale Neugliederung sind vor allem die US-Streitkräfte, während sich für einzelne Organisationseinheiten bis hin zur Namensgebung Vorbilder bei der Bundeswehr entdecken lassen, wie Oliver Corff im MERICS Lunchtalk am 21. September erläuterte. „Die chinesische Armee ist eine Armee, die vom Ausland ganz bewusst lernt.“

Corff gehört zu den ausgewiesenen Experten für chinesische Militärpolitik. Vor rund 80 Gästen analysierte der Sinologe die innere Logik der von Xi Jinping angekündigten  Reform der PLA. Ein wichtiger Beweggrund für die tiefgreifenden Veränderungen: Der geopolitische Kontext Chinas hat sich von Grund auf verändert. Mit dem Zerfall der Sowjetunion sei eine potenzielle Bedrohung durch einen riesigen Machtblock an einer etwa 10.000 Kilometer langen Grenze weggefallen. Auch in Zentralasien benötigt China keine militärische Strategie mehr, seit Beijing versucht, über die sogenannte Seidenstraßen-Initiative („One Belt One Road“) politische und wirtschaftliche Kontakte zu stärken. Ein attraktives Angebot für die zentralasiatischen Staaten, das auf Kosten Russlands gehe, wie Corff ausführte. 

Kontinuität statt Aufräumen im Zentrum der Militärreform

Bislang machten vor allem die Landstreitkräfte den Kern der Volksbefreiungsarmee aus. Doch in Zeiten, wo China zunehmend auf der See und im Ausland aktiv wird, strebe die Führung in Beijing den Aufbau einer besser vernetzten „Armee mit modernen Teilstreitkräften“ an, sagte Corff. Das Ziel sei es, eine vielseitige Armee zu schaffen, die technisch auf der Höhe sei.

Auch wenn Xi Jinping dafür die interne Struktur und Kommando-Hierarchie der PLA grundlegend umbaue, gehe es ihm offenkundig nicht darum, in der Armee „aufzuräumen“ und seine Machtbasis zu vergrößern, sagte Corff. Zwar seien einzelne höhere Militärs der Anti-Korruptionskampagne zum Opfer gefallen, zugleich gebe es eine große Kontinuität. Einflussreiche Befehlshaber seien auf ihren Posten belassen worden.

Chinas Nachbarstaaten sind besorgt

Bei den Nachbarstaaten Chinas löst die Neuausrichtung der Streitkräfte Unruhe aus: „Der Grund für diese Nervosität ist  nicht allein, dass die chinesischen Streitkräfte stärker werden, sondern dass man nicht genau weiß, was Sache ist“, erläuterte  Corff. In den chinesischen Weißbüchern zur Verteidigungspolitik sei nichts über die konkreten Pläne zu erfahren. Eine transparentere Informationspolitik Chinas könne hier womöglich das Vertrauen der Nachbarländer stärken.

Doch wie schlagkräftig ist die Volksbefreiungsarmee wirklich? Viele Fragen aus dem Publikum drehten sich um die angespannte Lage im Südchinesischen Meer, dessen Territorium China weitgehend für sich reklamiert. 

Der PLA fehlten derzeit noch die technischen Fähigkeiten, so ein riesiges Gebiet flächendeckend zu überwachen, sagte Corff. Dennoch werde die Region, durch die wichtige Handelsströme verlaufen, international zu wenig beachtet. China einbinden in internationale Sicherheitsmechanismen und so Konfrontationspotentiale reduzieren, lautete die Empfehlung Corffs. Es sei noch offen, wie die Volksbefreiungsarmee künftig als sicherheitspolitischer Akteur auftreten werde. Niemand wisse genau, wie die die Lagebilder der obersten Führung zu Stande kommen und wie zivile Stellen wie das chinesische Außenministerium und die Streitkräfte zusammenarbeiten. „Das ist eindeutig ein unterforschtes Thema“, schloss Corff.

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