China Lounge mit Didi Kirsten Tatlow

10. Januar 2017

Die Psychologie erlebt derzeit in China einen ungeahnten Boom. Welche psychologischen Fragen die Menschen beschäftigen und was das über Chinas gesellschaftliche Entwicklung aussagt, war Thema der MERICS China Lounge mit der Journalistin Didi Kirsten Tatlow. Rund 80 Gäste waren zu der Veranstaltung gekommen, die von Kristin Shi-Kupfer, Leiterin des Forschungsbereichs Politik, Gesellschaft und Medien am MERICS, moderiert wurde.

Tatlow lebt seit über 13 Jahren in Beijing und ist seit 2010 Korrespondentin der „New York Times“. In dieser Zeit hat sie miterlebt, wie die Psychologie in China enorm an Popularität gewonnen hat. Inzwischen gibt es eine breite Palette von psychologischen Beratungsangeboten: Neben den klassischen Sitzungen in der Praxis oder auf der Couch sind auch Online-Sitzungen beliebt. Nicht immer haben es Patienten jedoch mit ausgebildeten Psychologen zu tun, viele der Berater haben Psychologie im Selbststudium gelernt. „Es ist ein unübersichtliches Feld“, sagte Tatlow.

Bild 1

Seit 2008 ist es in China möglich, die Ausbildung zum Psychoanalytiker nach den Kriterien der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung zu absolvieren. Von chinesischen Psychoanalytikern erfuhr Tatlow, dass es vielen Patienten schwer fällt, in der Analyse offen zu sprechen – ein Ergebnis des Bildungs- und Erziehungssystems, das wenig Freiraum lässt für Gefühle und individuelle Bedürfnisse und in dem "die Menschen ständig gesagt bekommen, was sie zu denken haben“, so Tatlow.

Eines der großen Themen ist die Trennung von den Eltern in der frühen Kindheit, die für viele Kinder bis ins Erwachsenenleben hinein eine traumatische Erfahrung bleibt. Betroffen sind Millionen von Kindern, die bei den Großeltern aufwachsen, weil die Eltern als Wanderarbeiter in andere Landesteile gezogen sind. Andere Kinder werden schon im Alter von drei Jahren ins Internat oder im Grundschulalter ins Ausland geschickt. Auch da blieben oft seelische Narben zurück, so Tatlow. Ein weiteres Thema, mit dem Psychologen in China immer wieder konfrontiert werden, sind Beziehungen und Ehen, die nicht aus Liebe sondern aus rein materiellen Überlegungen eingegangen werden.

Die chinesische Regierung, so Tatlow, sei hin- und hergerissen, was den Psychologie-Boom betrifft. In einigen Bereichen hat Beijing die psychologische Versorgung ausgebaut. Die hohe Selbstmordrate unter Studierenden beispielsweise hatte die Behörden alarmiert, und so haben heute alle Universitäten psychologische Beratungsstellen. Auch die psychologische Versorgung in Krankenhäusern sei mittlerweile  besser ausgebaut. Doch gibt es nach wie vor große Unterschiede zwischen den Metropolen wie Beijing und Shanghai und kleineren Städten.

Tatlow sprach auch die großen verdrängten Traumata an: Erlebnisse aus der Zeit des „Großen Sprung nach vorn“ in den späten 50er Jahren oder der Kulturrevolution (1966-76) sind für viele Menschen bis heute eine Belastung. Die nicht bewältigte Trauer wirkt auch in den nachfolgenden Generationen der Kinder und Enkelkinder fort. Nicht nur an diesem Thema zeigt sich, dass die Auseinandersetzung mit den eigenen psychischen Wunden mitunter politisch sensible Bereiche berühren kann. Und für Tatlow stellt sich die Frage: „Was passiert mit all dem unverarbeiteten Leid?“

Bild 3