MERICS China Lounge mit Botschafter Shi Mingde

17. Mai 2017

Der chinesische Botschafter in Berlin Shi Mingde lernte bereits in der Grundschule Deutsch. 1972 reiste er mit der transsibirischen Eisenbahn über Moskau in die DDR und studierte drei Jahre in Ost-Berlin. Seitdem lebte der Diplomat mit Unterbrechungen immer wieder in Deutschland, seit 2012 ist er Chinas Botschafter in Berlin.

Am 17. Mai war Shi Mingde zu Gast in der MERICS China Lounge und sprach mit MERICS-Direktor Sebastian Heilmann über die verschiedenen Stationen seiner diplomatischen Laufbahn und die deutsch-chinesischen Beziehungen. Mehr als 100 interessierte Gäste kamen zu der Veranstaltung.

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Tiefe und Breite der Beziehungen in Europa führend

Shi Mingde hat die Beziehungen zwischen China und Deutschland von Anfang an nicht nur „miterlebt, sondern auch mitgestaltet“. Diese seien inzwischen „was die Tiefe und Breite anbelangt, führend im Vergleich zu allen anderen europäischen Staaten“. Er verwies auf die deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen und die zahlreichen Besuche führender Politiker beider Länder. Zudem würden stets neue Felder der Zusammenarbeit erschlossen, sagte Shi. Als Beispiele nannte er den deutsch-chinesischen Finanzdialog und ein für Ende Mai geplantes „People-to-People“-Übereinkommen.

Zudem böte Chinas globales Infrastrukturprojekt, die sogenannte Neue Seidenstraßen-Initiative oder „Belt and Road“-Initiative (BRI), auch für Deutschland viele Chancen: Zwischen Deutschland als größter Volkswirtschaft am westlichsten und China als größter Volkswirtschaft am östlichsten Ende der „Neuen Seidenstraße“ läge ein großer Wirtschaftsraum, sagte Shi.

Welche chinesisch-deutschen Projekte im Rahmen der BRI-Initiative konkret zu erwarten seien, wollte Heilmann wissen. Besonders wichtig, so Shi, sei der Bereich Konnektivität - also die Errichtung von Schienenwegen, Pipelines, Stromleitungen oder Telekommunikationsnetzen. Im Bereich Infrastruktur habe die Asiatische Infrastrukturinvestitionsbank (AIIB) mehrere Großprojekte beschlossen, an denen sich deutsche Firmen beteiligen könnten.

Auch Reibungspunkte in den Beziehungen zwischen Deutschland und China blieben in der Diskussion nicht unerwähnt. Konkret ging es etwa um die Offenheit Chinas für ausländische Investitionen, die Frage nach beiderseitigen Erleichterungen bei der Visumsvergabe oder die chinesische Elektroauto-Quote, die deutsche Autobauer empfindlich treffen könnte. MERICS-Direktor Heilmann fragte nach, ob die für 2018 angekündigte Einführung der Quote für Autos mit alternativen Antrieben am Absatz von Autobauern zeitlich verzögert oder gesenkt würde. Shi nannte keine Details, versicherte aber, die Lösung werde beide Seiten zufriedenstellen.

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Fußballnation China

Das Gespräch drehte sich auch um ein unterhaltsames Feld der Zusammenarbeit: den Fußball. Es sei enttäuschend, dass China mit seinen mehr als 1,3 Milliarden Menschen keine starke Nationalelf habe, sagte Shi. Neben internationalen Rekord-Transfers setzt Beijing vor allem auf die Nachwuchsförderung und holt sich dabei auch Unterstützung aus Deutschland. 2016 wurde auf Regierungsebene eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit beim Fußball verabschiedet.

Ob Deutschland dann bald nur noch Zweiter sein werde, wollte Heilmann wissen. Shi machte keinen Hehl aus Chinas Ehrgeiz. Es gäbe drei große Ziele: sich für eine Weltmeisterschaft qualifizieren, die WM nach China holen und irgendwann im Finale stehen. Neben Deutschland.