MERICS China Lounge mit Clas Neumann

31. Mai 2017

Werden chinesische IT-Firmen in Europa schon bald als starke Konkurrenten auftreten? Welche innovativen Anwendungen und Produkte gibt es auf dem chinesischen Markt? Und: Was unternimmt die chinesische Regierung im Bereich Digitalisierung? Um diese Fragen ging es in einer MERICS China Lounge mit Clas Neumann vom Softwarehersteller SAP.

Neumann lebt seit fünf Jahren mit seiner Familie in Shanghai und leitet von dort aus die Abteilung schnell wachsende Märkte und die über 16 Länder verteilten Innovationslabore des deutschen Software-Konzerns. Claudia Wessling, Leiterin der Kommunikation am MERICS, moderierte das Gespräch vor rund 90 Zuhörern.

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Mobiles Bezahlen – sogar beim Taschengeld

Der IT-Manager machte kein Hehl daraus, dass er die Technologie-Begeisterung der Chinesen teilt. Er lobte die exzellente Kommunikationsinfrastruktur in China sowie die höhere Funktionalität chinesischer Apps. Bike-Sharing-Apps in China zeigen dem Kunden per GPS, wo er sein Rad parken darf, und die meisten Einkäufe werden längst mit Alipay, der Bezahl-App des Tech-Konzerns Alibaba, getätigt.

Neumann zahlt seinen Kindern sogar ihr Taschengeld über Alipay aus. „In China braucht man nur noch das Mobiltelefon, dann ist man wirklich mobil,“ sagte er. Ein wenig aufpassen solle man dabei aber schon, warnte er zugleich. Denn Datensicherheit werde in China nicht so groß geschrieben wie in Deutschland. „Man sollte Alipay nur mit Kreditkarte verbinden, auf der nicht mehr als 100 Yuan sind, um Betrug vorzubeugen.“

Für ausländische Konzerne ist es nicht immer einfach, auf dem chinesischen Markt mitzuhalten. Denn die einheimische Konkurrenz wächst schnell heran, oft mit staatlicher Förderung. Laut Neumann gibt es aber keine Alternativen zur Kooperation mit chinesischen Unternehmern. „Es ist sehr wichtig, in China gemeinsam zu entwickeln, nur so kann man lernen, was da passiert.“

SAP hat Alipay auch in seine Systeme integriert und baut mit Alibaba gemeinsam Software-Komponenten. In Shenzhen betreibt der deutsche Konzern ein Zentrum zur gemeinsamen Software-Entwicklung mit Huawei. SAP könne sich die Offenheit zum Glück leisten, gibt Neumann zu. „Es gibt sicher Branchen, für die es schwieriger ist.“

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Der Markt für E-Autos konzentriere sich deshalb erst einmal auf China, sagte er – und davon würden chinesische Tech-Konzerne profitieren. „Die Chinesen schaffen neue Autohersteller aus dem Nichts“, sagte Neumann. „Und sie werden einen enormen Vorteil haben, wenn sie ein Auto auf einer einheitlichen Software-Plattform bauen können.“

Mögliche Nachteile des chinesischen Digitalisierungs-Schubs sieht Neumann zunächst einmal gelassen. Chinas neues Cybersicherheitsgesetz hat im Ausland Befürchtungen geweckt, dass Daten internationaler Unternehmen in China vor staatlichem Zugriff nicht mehr sicher seien. Gesetze zur Datenspeicherung gebe es schließlich auf der ganzen Welt, sagte Neumann. Und Unternehmen wie SAP hätten auch immer noch die Möglichkeit, über die EU-China Arbeitsgruppe für Cybersicherheit auf die Ausgestaltung der neuen Regeln Einfluss zu nehmen.

Deutsche Autobauer – Bei E-Mobilität bald abgehängt?

Probleme bekommen könnten indes deutsche Autobauer, die beim Thema E-Mobilität nicht hinterherkommen. „In China wird das enorm gepusht“, sagte Neumann etwa im Hinblick auf die chinesische Entscheidung, eine Quote für Elektro-Autos einzuführen. „Man sieht mehr E-Autos auf der Straße, und das ist auch politisch gewollt.“

Auch das „Social Credit System“, das die chinesische Regierung derzeit einführt – eine Art Bonitätsbewertung für Bürger und Unternehmen, die weit über die Zahlungsmoral hinausgeht – hat im Ausland zu Sorge geführt. Neumann sieht auch das pragmatisch: Chinesische Behörden sammelten schließlich schon immer Daten über Ausländer im Land. „Jetzt wird endlich einmal erklärt, was da passiert“, so Neumann.