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MERICS-Spezial

Teil 1: Woher kommt der Smog in China?

von Jost Wübbeke und Elena Klorer

„China ist wie ein Raucher, der unmittelbar das Rauchen einstellen muss, will er nicht an Lungenkrebs erkranken“ sagt Li Junfeng, einer der führenden Energie-Experten Chinas. Smog (雾霾) hat weite Teile Chinas fest im Griff. Schon jetzt ist klar, dass alle ergriffenen politischen Maßnahmen nicht ausreichen, um dem Smog kurzfristig Herr zu werden. Mehr noch: Smog birgt in China ein großes Konfliktpotential. In den vergangenen drei Jahren hat die Bevölkerung bereits zunehmend ihrer Unzufriedenheit Luft gemacht. Vor allem über soziale Medien aber auch durch lokale Protestaktionen nimmt der Druck auf die Regierung zu. Auch staatliche Medien sparten nicht mit Kritik. Der anhaltende Smog wird zu einer ernsthaften Bedrohung für Chinas politische Führung. Mitte Februar 2014 kam es zum Showdown zwischen dem staatlichen Fernsehsender CCTV und der Pekinger Stadtregierung. Nachdem der Sender über seinen Weibo-Account kritisiert hatte, die Regierung „verstecke sich hinter dem dicken Smog“, wurde ihm die weitere Berichterstattung über den Smog in Peking verboten. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Handlungsfähigkeit des politischen Apparats schwindet. Die Regierung muss reagieren.

Was ist Smog und was ist daran so gefährlich?

Smog ist eine Mischung aus Ruß, Feinstaubpartikeln und Nebel. Feinstaubpartikel (Particulate Matter, PM) mit einem Durchmesser von weniger als 10 Mikrometern (PM10) sind besonders gefährlich für die menschliche Gesundheit. Partikel mit weniger als 2,5 Mikrometern (PM2,5) können aufgrund ihrer geringen Größe bis tief in den Atemtrakt und sogar in die Lungenbläschen gelangen. PM2,5 setzen sich aus unterschiedlichen Schadstoffen zusammen, die in primäre und sekundäre Partikel unterschieden werden. Primäre Partikel entstehen dabei durch Verbrennung, industrielle und natürliche Prozesse, wie z.B. Winderosion. Sekundäre Partikel formen sich indirekt durch chemische Prozesse in der Luft, bei denen gasförmige Schadstoffe wie Schwefeloxide und Stickstoffoxide beteiligt sind. Diese sekundären Sulfat- und Nitratpartikel sind für gewöhnlich die Hauptbestandteile von PM2,5. Aufgrund der chemischen Anteile in sekundären Partikeln sind deren Auswirkung für Umwelt und Gesundheit schädlicher als Primärpartikel. Gerade PM2,5 wurden in China lange Zeit weder gemessen noch anderweitig berücksichtigt.

Mitte Februar hatte die Feinstaubbelastung wieder Höchstwerte erreicht. Der Smog bedeckte ein Fünftel der Landesfläche. Peking steht dabei oft im Fokus der Berichterstattung, doch zahlreiche andere chinesische Städte haben ebenfalls mit Luftverschmutzung zu kämpfen. Die entstehenden Gesundheitsschäden sind dramatisch. Eine Studie, die in Zusammenarbeit von chinesischen und internationalen Experten entstand, ergab, dass in China jährlich 350.000 bis 500.000 Menschen durch verschmutzte Luft vorzeitig sterben. Andere Studien gehen sogar von bis zu 1,2 Millionen frühzeitigen Todesfällen aus.

Neben den Kosten im Gesundheitssystem machen sich die negativen Auswirkungen des Smogs auch in anderen Wirtschaftsbereichen bemerkbar. Die landwirtschaftliche Produktion in den betroffenen Gebieten sinkt, internationale Unternehmen und Fachkräfte meiden mittlerweile die stark verschmutzten Städte, und chinesische Führungskräfte, die das Geld und die Möglichkeit dazu haben, wandern verstärkt ins Ausland aus. Bei einer Umfrage der amerikanischen Außenwirtschaftskammer Beijinggaben fast die Hälfte der befragten ausländischen Unternehmen an, dass der Smog leitende Angestellte abschrecke. Gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich belastet der Smog das sowieso bereits unter großem Druck stehende chinesische System.

Internationaler Vergleich: Kann China von den im Ausland ergriffenen Maßnahmen lernen?

Smog ist kein chinatypisches Phänomen, sondern kann überall in Regionen mit hoher Industrieproduktion entstehen. In London starben 1952 binnen weniger Wochen 12.000 Menschen an den Folgen starker Luftverschmutzung. Auch in Deutschland gab es bis in die 1990er Jahre vor allem im Ruhrgebiet und im Osten Deutschlands Probleme mit Smog. Selbst heute haben Städte wie Paris, Chicago oder London immer wieder kurzfristig mit Smog zu kämpfen. Allerdings ist Smog als dauerhaftes Problem in den meisten westlichen Städten und Ländern beseitigt. Davon kann und will China lernen, um das Problem schneller und effizienter zu lösen. Zum Beispiel ist China besonders an den internationalen Erfahrungen beim Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs interessiert. Im März 2014 hat die Provinz Hebei beschlossen, 200 ausländische Experten u.a. aus Deutschland zu engagieren, um an Projekten zur Bekämpfung des Smogs mitzuwirken. Die Geschichte zeigt, dass es ungefähr eine Generation dauert, um Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. Die angespannte Situation in China legt nahe, dass die chinesische Regierung sich einen derart langen Prozess nur schwerlich leisten kann und will.

Zudem sind internationale Erfahrungen mit der Bekämpfung von Smog nicht eins zu eins übertragbar, da die Ursachen und die Zusammensetzung des Smogs sich von Ort zu Ort unterscheiden. Außerdem sind globale Produktionsprozesse heute viel stärker vernetzt als während der großen Industrialisierungswellen in Europa und Amerika. An der Entstehung von Smog in China hat auch das Ausland seinen Anteil. Zahlreiche ausländische Firmen haben ihre Produktion nach China verlegt. Einem Bericht der Peking Universität zufolge gehen rund ein Drittel der Schwefeloxide und Stickoxide und fast zwanzig Prozent des von China emittierten Rußes auf die Produktion von Export-Waren zurück.

Ist ganz China vom Smog betroffen?

In allen Teilen Chinas sind Städte vom Smog betroffen. Allerdings beeinträchtigt der Smog drei Regionen besonders intensiv: die nordostchinesische Region Peking-Tianjin-Hebei, das Yangtse-Delta und das Perlfluss-Delta. Am stärksten betroffen ist die Region Peking-Tianjin-Hebei. Peking wird bis zu 60 Prozent des Jahres von Smog umhüllt. Shanghai, das geographisch günstiger gelegen ist, leidet hingegen nur zu 30 bis 50 Prozent des Jahres unter Smog. In der Region Peking-Tianjin-Hebei ist die Schwerindustrie besonders stark vertreten, und geographische Faktoren begünstigen die Entstehung von Smog.

Die schlimmste Smogzeit ist die winterliche Heizperiode von November bis März. Die Wintermonate in dieser Region sind sehr trocken, im Frühjahr treten zudem Sandstürme auf, die durch die Aufwirbelung von Staubpartikeln maßgeblich zur Entstehung von Smog beitragen. In windstillen Zeiten kann schnell eine Inversionswetterlage entstehen, in der sich wärmere Luftschichten über kälteren Luftschichten ablagern, wodurch die kälteren, smogenthaltenden Luftschichten nicht abziehen können. Das betrifft insbesondere Peking, dessen Kessellage die Entstehung einer solchen Wetterlage zusätzlich begünstigt. Der Smog bleibt dann über den betroffenen Regionen hängen, bis es regnet oder Wind aufkommt. Der chinesische Smog ist gleichzeitig aber kein rein lokales Problem mehr. Bei schlechten Wetterbedingungen kann der Smog bis nach Südkorea, Japan oder sogar an die Westküste Nordamerikas wehen.

Welche Ursachen sind für den Smog in China verantwortlich?

Es besteht weitgehende Übereinstimmung, dass Kohleverbrennung, Industrieproduktion und Autoabgase die hauptsächlichen Ursachen des Smogs in China sind. Kohle dominiert den chinesischen Energiemix. Von 2007 bis 2012 ist der jährliche Kohleverbrauch in China von 2,5 auf 3,6 Milliarden Tonnen gestiegen und macht damit zwei Drittel der chinesischen Primärenergieerzeugung aus. Der Industriesektor ist in China in vergangenen zehn Jahren massiv ausgebaut worden, und die Zahl der Autos ist durch die rasante Urbanisierung und die entstehende städtische Mittelschicht extrem angestiegen. Alleine in Peking ist die Anzahl der Autos von 1998 bis 2012 um fast vier auf über fünf Millionen gestiegen.

Uneinigkeit besteht allerdings darüber, wie hoch der jeweilige Anteil der unterschiedlichen Quellen an der Smogbildung ist. Wissenschaftler der Universität Minnesota weisen Kohlekraftwerken und Autos 70 Prozent der Verantwortung zu. Ein Bericht der Chinesischen Akademie für Wissenschaften aus dem Dezember 2013 sieht hingegen die zentralen Quellen für den Smog bei Rußgasen und der Industrieproduktion (50 Prozent), während die Verbrennung von Kohle nur 18 Prozent und Autos sogar nur 4 Prozent ausmachen. Das steht im deutlichen Gegensatz zu Ergebnissen des Pekinger Umweltbüros. Dies misst Autos 22 Prozent, Kohle aber nur 17 Prozent zu (siehe Grafik). Die Gewichtung der Ursachen unterscheidet sich je nach Jahreszeit deutlich. Es ist nicht auszuschließen, dass bei der Entstehung dieser unterschiedlichen Forschungsergebnisse der Einfluss wirtschaftlicher oder politischer Interessengruppen eine Rolle spielt. Die fortbestehende Unklarheit über die relative Bedeutung der einzelnen Verursacher führt zu großer Verunsicherung über die tatsächliche Effektivität der zu ergreifenden Gegenmaßnahmen. Die chinesische Regierung investiert darum massiv in die weitere Erforschung der Zusammensetzung von Smog. So kündigte sie im Februar 2014 den Bau einer Smog-Kammer in Peking an, in der Smog unter realistischen Bedingungen erforscht werden soll. Die Kammer wird mit einem Volumen von 600 m3 doppelt so groß sein wie die bislang größte in Europa. Die chinesische Regierung fördert sie mit 500 Millionen CNY.

Hier können Sie das gesamte Smog-Spezial als PDF herunterladen.

Das 2013 gegründete Mercator Institute for China Studies (MERICS)mit Sitz in Berlin ist weltweit eines der größten Institute der gegenwartsbezogenen und praxisorientierten China-Forschung. MERICS ist eine Initiative der Stiftung Mercator.

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