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China kämpft seit Wochen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Erste Regionen lockern aktuell ihre Transport- und Reisebeschränkungen und folgen damit der Aufforderung von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Er hatte die Unternehmen am Sonntag dazu aufgerufen, ihre Arbeit wiederaufzunehmen und Arbeitsplätze zu sichern. Provinzen mit geringen Ansteckungsrisiken sollten ihre Wirtschaft wieder hochfahren, während diejenigen mit hohen Risiken sich auf die Eindämmung der Epidemie konzentrieren sollten. 

Fragen an Mikko Huotari, Direktor MERICS 

Xi Jinping setzt auf wirtschaftliche Normalisierung - kehrt das Land bereits zur Normalität zurück? 

Nein - die Krise kommt jetzt in eine entscheidende Phase. Es bleibt massive Unsicherheit: Staats- und Parteichef Xi Jinping sprach am Freitag bei einem Treffen des Politbüros selbst davon, dass der „Wendepunkt“ noch nicht erreicht und die Lage in den am stärksten betroffenen Gebieten sehr ernst und kompliziert sei.  

Die Führung setzt alles daran, den Wirtschaftsmotor wieder anzukurbeln. Eine weitere Lähmung der chinesischen Volkswirtschaft kann sie – und kann die Weltwirtschaft – sich nicht leisten. Die Spannungen zwischen dem Imperativ „zurück an die Arbeit“ und einem engen Korsett an Vorgaben, um neue Ansteckungen um jeden Preis zu vermeiden, sind dabei immens. Parteikader und Unternehmenschefs befinden sich – mal wieder – in der Zwickmühle und stehen unter massivem Druck. 

Das persönliche Versprechen von Xi, dass Unternehmen von zentraler Bedeutung für globale Lieferketten bevorzugt behandelt werden sollen, ist eher ein Zeichen für das Ausmaß der Schwierigkeiten, als Grund zur Beruhigung. 

Die WHO vermeidet es bislang, von einer Pandemie zu sprechen. Markterschütterungen waren bis zum Wochenende noch gering. Bleiben die Auswirkungen der Krise auf China beschränkt? 

Die WHO-Einschätzung kann sich jederzeit ändern, und globale Finanzmärkte reagieren wie aufgeschreckte Hasen auf Trends, die bereits absehbar waren. Schon zu dem Zeitpunkt, als die Auswirkungen „nur“ auf China beschränkt waren, hätte man eine Kurskorrektur an den Märkten vornehmen müssen.  

Es ist offensichtlich, dass wir jetzt in die „globale“ Phase der Krise eintreten, denn die weltweiten Effekte werden erst mit Verzögerung sichtbar. Das geht weit über die Problematik der Verbreitung des Virus weltweit und in Europa hinaus. So wird eine Welle von Lieferketten-Disruptionen erst jetzt spürbar, da zu Beginn des Ausbruchs noch verschiffte Container mit Gütern aus China bis vor kurzem bei uns eintrafen. Das betrifft zum Beispiel Arzneimittel in Europa. In anderen Ländern sind es Vorprodukte, deren Nichtverfügbarkeit nun erst für Schwierigkeiten sorgt.  

Globalisierung „made in China“ gerät unter Druck. Das Ausmaß der chinesischen Nachfrageschwäche im ersten Quartal schockiert. Verkaufszahlen beispielsweise von iPhones oder Automobilen waren desaströs und können vermutlich auch nicht mehr aufgeholt werden. Ausländische Firmen, deren Absätze größtenteils von China abhängig sind, müssen 2020 mit massiven Einbrüchen rechnen. 

Anlass zur Sorge bereiten auch mögliche Lähmungserscheinungen mit Langzeitwirkung, die deutlich in das zweite Quartal hineinreichen werden. Es besteht eine reale Gefahr, dass die „Arterienverstopfungen“ auf Grund von Lieferkettenausfällen zu Infarkten in ganzen Industriezweigen führen könnten - beispielsweise in der Elektronikindustrie. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen stehen schlecht da.  

Wie wird sich die aktuelle Krise langfristig auf China auswirken?  

Niemand sollte sich auf eine rasche Erholung („v-shaped recovery“) verlassen, die Verluste aus dem ersten Quartal wieder einholt. Ein Zurück zur Normalität ist unwahrscheinlich – und in jedem Fall wird das Post-Corona China ein anderes sein. 

Trotz Durchhalteparolen und Zweckoptimismus an der Spitze wird China in diesem Jahr ein Land im Krisenmodus bleiben, Reformpläne dürften weiter verzögert werden. Die ambitionierten Wachstumsziele werden ohne heftige Staatseingriffe und Stimuluspakete keinesfalls erreicht werden können. Ganz im Gegenteil: Es bestehen noch reale Risiken für Umbrüche. Der Mythos Verlässlichkeit ist jedenfalls gebrochen, und das Szenario der Diversifizierung von Lieferkettenin- und außerhalb Chinas wird größer. Großunternehmen wie Apple reagieren bereits. 

Alle Beteiligten wünschen Chinas Führung Erfolg für die Bekämpfung der Krise. Trotz berechtigter Kritik innerhalb und außerhalb Chinas an der anfänglichen Vertuschung des Krankheitsausbruchs werden Pekings Bemühungen um internationale Zusammenarbeit und Transparenz geschätzt. Die größten Fragezeichen bestehen jedoch gerade mit Blick auf die „Lektionen“, die Peking aus der Krise ziehen wird. Manche davon werden zu begrüßen sein: Investitionen in die Reform des Gesundheitssystems und der Seuchenbekämpfung sind zu erwarten. Sorge bereitet dagegen die Frage, ob Chinas Führung angesichts des zu erwartenden Drucks und möglicher Disruptionen in der Wirtschaft Reformambitionen auf lange Frist zurückstellen wird. Auch steht zu befürchten, dass einige der außergewöhnlichen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung wie weitreichende Informationskontrolle und digitale Überwachungstechniken zur China-weiten Normalität werden könnten. 

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