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Viel Bewegung, aber auch viele Baustellen

Von Andrea Frenzel und Lena Wassermann

Chinesisch-Unterricht hat sich in den vergangenen 20 Jahren an deutschen Schulen vom außercurricularen Zusatzangebot vielerorts zum festen Bestandteil des Regelunterrichts und sogar zum Abiturfach entwickelt. Noch immer unterscheiden sich die Angebote je nach Bundesland erheblich.

Im Schuljahr 2016/17 lernten von etwa 5,3 Millionen Schülern der Sekundarstufe in Deutschland mehr als 5000 Chinesisch im regulären Schulunterricht. In einigen Bundesländern gehört Chinesisch schon lange zum Fächerkanon und ist mitunter sogar Abiturfach. Andernorts gibt es jedoch noch weiße Flecken auf der Landkarte. Nach einem starken Anstieg in den 2000er Jahren hat sich die Entwicklung der Chinesisch-Schülerzahlen zuletzt wieder verlangsamt. Bundesweit stagnieren sie seit einigen Jahren und sind in einigen Bundesländern sogar deutlich rückläufig.

Arbeitsgemeinschaften bildeten einst die Keimzelle des schulischen Chinesisch-Unterrichts in Deutschland. Bis heute sind sie für viele Schulen das Erprobungs- und Einstiegsmodell für Chinesisch-Angebote. Da diese AGs jedoch weder einer Qualitäts- noch Leistungsmessung unterliegen und auch keinen festen Lehrplänen folgen, sind sie auf Dauer keine Alternative zu einem über mehrere Schuljahre aufbauenden Fachunterricht.

Die 1998 von der Kultusministerkonferenz verabschiedeten „Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Chinesisch (EPA)“ bildeten eine wichtige strukturelle Grundlage für die weitere Entwicklung schulischer Lehrpläne. In den meisten Bundesländern gibt es mittlerweile Vorgaben für den Unterricht, mit unterschiedlicher Verbindlichkeit und Detailtiefe. Die Mehrheit der Lehrpläne gilt nur für die Sekundarstufe II, nur etwa die Hälfte der Bundesländer hat Chinesisch-Curricula für die Sekundarstufe I zugelassen. In Berlin und Sachsen gibt es seit 2017 neue Lehrpläne. In Baden-Württemberg, Hessen und Schleswig-Holstein sind sie im Entwicklungs- und Ratifizierungsprozess. In Bundesländern, in denen es bislang keine Lehrpläne gibt, haben die Lehrkräfte diese dringend angemahnt. Denn Lehrpläne sind unverzichtbar, wenn Chinesisch als Schulfach besser etabliert werden soll.

Wo Chinesisch in der gymnasialen Oberstufe angeboten wird, kann es meist auch als Abiturfach gewählt werden. Die schriftliche Abiturprüfung als drittes Fach im Grundkurs ist vielerorts möglich. Die meisten Abiturienten legen aber bislang die Prüfung in Chinesisch, wenn überhaupt, lieber im vierten Fach mündlich ab, da die schriftlichen Lernanforderungen wegen der komplexen Schriftzeichen höher sind. In jüngster Zeit haben einzelne Schulen sogar Chinesisch-Leistungskurse oder andere Kurse mit erhöhtem Anforderungsniveau eingerichtet, so in Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg und Niedersachsen.

Neben dem Unterricht in der Sekundarstufe versuchen einzelne Schulen in Berlin, Brandenburg und Hamburg, Chinesisch bereits in früheren Klassenstufen zu etablieren. Das Fach steht in der Grundschule noch am Anfang.

Auch innerhalb der Länder gibt es Ungleichheiten: So hat Niedersachsen mit Göttingen einen etablierten Standort für die Lehrerausbildung Chinesisch. Es fehlt allerdings an einem Lehrplan und an genügend Schulen, die das Unterrichtsfach im Angebot haben. Auch in Sachsen-Anhalt wird ohne Curriculum unterrichtet. In Berlin gibt es ein Fachseminar für Referendare an Schulen. Der dazugehörige Studiengang für die Chinesischlehrer-Ausbildung ist an der Freien Universität noch in Planung.

20 Jahre nach den ersten Versuchen, Chinesisch als Wahlpflichtfach an Schulen in Deutschland zu etablieren, bleiben somit noch erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Viele Baustellen sind zu bearbeiten, zum Beispiel fehlen bis heute zeitgemäße, ansprechende und didaktisch sinnvolle Unterrichtsmaterialien. Es braucht einen gezielten und koordinierten Aktionsplan, um mehr Schüler zu überzeugen, Chinesisch als zweite oder dritte Fremdsprache zu wählen.

Die MERICS-Analyse zur China-Kompetenz in Deutschland finden Sie hier.