Neuer MERICS-Direktor Frank Pieke. Ein Porträt von Sabine Muscat

Wie schwer China als Forschungsobjekt zu greifen sein kann, erfuhr Frank Pieke erstmals 1988 als Doktorand in Beijing. Er wollte die Überlebensstrategien chinesischer Bürger im Spannungsfeld zwischen einem rigidem politischen System und marktwirtschaftlichen Reformen studieren. Aber er merkte bald, dass er sein Thema wechseln musste.

Er beobachtete, wie die Forscher an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in die städtische Protestbewegung des Jahres 1989 hineingezogen wurden. Plötzlich waren sogar die Menschen auf der Straße bereit, mit ihm zu reden. Zuvor war er der ausgegrenzte Ausländer gewesen.  Als der Niederländer an die Universität von Kalifornien, Berkeley, zurückkehrte, schrieb er alles auf: wie der Frust chinesischer Bürger – über Privilegien der Eliten, Korruption und wirtschaftliche Unsicherheit – zu dem Ausbruch der Bewegung geführt hatte, die am 4. Juni auf dem Tiananmen-Platz ein brutales Ende fand.

Wissen, wie China tickt – und es erklären

Die Fähigkeit, die Rolle des neutralen Beobachters zu übernehmen und die Forschungsziele anzupassen, wenn die Ereignisse in China eine abrupte Wendung nehmen, ist für Piekes akademische Arbeit immer noch zentral. Der Professor für Zeitgenössische China-Studien an der Universität Leiden in den Niederlanden hat am 1. August 2018 die Leitung des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin übernommen. Seine Mission ist es, Wissen über die Entwicklungen in China zu sammeln – und zu analysieren, was sie für Europa bedeuten.

Seit seiner Gründung im Jahr 2013 hat das Institut China durch seine jüngste Entwicklungsphase verfolgt. Pieke und sein Stellvertreter Mikko Huotari wollen nun auf dieser Arbeit aufbauen. Sie bringen „komplementäre Perspektiven“ mit in ihre neuen Positionen, wie sie selbst es ausdrücken. Er wolle „China von innen heraus“ verstehen, beschreibt der Ethnologe Pieke seinen Ansatz. Huotari, der internationale politische Ökonomie studiert hat, sagt, er beginne stets damit, sich anzusehen, „was Chinas Handlungen für Europa und die Welt bedeuten.“

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Die Geschäftsführung von MERICS. Foto: Joanna Scheffel, Copyright: Stiftung Mercator.
 

Huotari arbeitete bereits unter Gründungsdirektor Sebastian Heilmann bei MERICS und ist stolz darauf, was das Institut erreicht hat. „Das Besondere an MERICS ist die Geschwindigkeit, mit der wir uns mit unserer nachfrageorientierten und vorausschauenden Forschung in internationalen Debatten über China positioniert haben“, sagt er. „MERICS hat großes Aufsehen erregt“, stimmt Pieke zu. „Es war der erste Thinktank in Europa, der China umfassend betrachtet hat.“

MERICS-Forschung: von Investitionen bis Technologiepolitik

Die Forschungsschwerpunkte des Instituts reflektieren den gestiegenen Bedarf an Informationen über China in Europa. Huotaris Analysen trugen zum Verständnis der wachsenden chinesischen Investitionen in Europa bei. MERICS-Forscher untersuchten Chinas industriepolitische Strategie „Made in China 2025“ und erklärten deren Bedeutung für europäische Politik und Unternehmen. Und MERICS veröffentlichte einige der ersten umfassenden Analysen zu Chinas neuem Gesellschaftlichen Bonitätssystem. Dessen Ziel ist es, das Verhalten aller Bürger umfassend mit Hilfe von Big Data zu bewerten und zu steuern.

MERICS hat sich auch einen Ruf wegen seiner cleveren Visualisierungen von Wissen gemacht. Die Karten und Grafiken des Instituts zu Chinas globalem Infrastrukturprojekt, der „Belt and Road Initiative“, wurden zahllose Male in Publikationen anderer Organisationen und Medien reproduziert.

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MERICS-Direktor Frank Pieke. Foto: Marco Urban, Copyright: MERICS.
 

Anderen europäischen Stimmen Gehör verschaffen

Pieke möchte MERICS‘ Einfluss steigern – über den deutschen und angelsächsischen China-Diskurs hinaus. Angesichts wachsender Sorge in Brüssel und Berlin über Chinas wirtschaftliche und politische Vorstöße in Zentral- und Osteuropa glaubt Pieke, dass es nötig sei, den innereuropäischen Austausch von Wissen über China zu koordinieren. „Wir müssen auch anderen europäischen Stimmen Gehör verschaffen“, sagt er. Seiner Meinung nach könne MERICS zu einem gemeinsamen europäischen Verständnis von Chinas Entwicklung und globalen Ambitionen beitragen. Dabei gehe es auch darum, Vorurteile zu entkräften und Chinas innere Widersprüche zu verstehen.

Der Schlüssel hierzu liegt im Verständnis der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) – einer von Piekes zentralen Forschungsgegenständen. Die KPC hat die Krise von 1989 nicht nur überlebt, sondern sie präsentiert sich heute selbstbewusster denn je. „Die KPC ist ein lernfähiger Organismus“, sagt Pieke, „und ihre Führer sind große Risiken eingegangen. Es hat sich herausgestellt, dass die Partei keine versteinerte Organisation im Niedergang war, sondern das genaue Gegenteil.“

Nach Jahrzehnten der wirtschaftlichen und sozialen Liberalisierung hat Partei- und Staatschef Xi Jinping die Macht zentralisiert und die Kontrolle der KPC über die Gesellschaft verstärkt. Zugleich hat sich China zu einem Zentrum technologischer und kultureller Innovation entwickelt – mit einer dynamischen Gesellschaft. „Das widerlegt das westliche Missverständnis von der chinesischen Bevölkerung als einem beherrschten Objekt“, sagt Pieke.

Nuancierte Haltung in alarmistischen Debatten

Er warnt aber auch, dass Xi mit seinem autoritären Ansatz zu weit gehen könnte. Die wachsende Machtkonzentration in den Händen der KPC findet Pieke riskant. „Die KPC war immer ein Schachspieler, aber jetzt hat sie sich selbst zu einer Schachfigur gemacht“, sagt er. „Wenn die Parteiführung mehr Regierungsaufgaben übernimmt,  wird die Verantwortung für Versagen auf sie zurückfallen.“

Pieke plädiert für eine nuancierte Haltung in alarmistischen Diskussionen über Chinas globale Machtambitionen. „Chinas Außenpolitik wird immer noch von nationalen Interessen getrieben. China hat heute mehr Geld und raffiniertere politische Instrumente, aber es hat noch keinen Systemkampf gewonnen.“

Die echte Gefahr aus Piekes Sicht ist, dass Europa und der Rest der westlichen Welt es nicht schaffen, den zerrütteten Konsens in ihren eigenen Gesellschaften wiederherzustellen. „Wir tun gerade unser Bestes, um schwach auszusehen“, sagt er. Und damit lässt der Westen eine Lücke für die Schachspieler in Beijing.