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Sein fünfjähriges Bestehen feierte das MERICS am 15. November 2018 mit einer Konferenz zum Thema „China’s Zukunft“ und einem anschließenden Abendempfang.

Auf dem ersten Podium diskutierten Vivienne Shue (Universität Oxford), Daniela Stockmann (Hertie School of Governance) und Kai Strittmatter (Süddeutsche Zeitung), ob und in welchem Maß die chinesische Gesellschaft die Kontrolle der Partei infrage stellt. Kristin Shi-Kupfer (Leiterin Forschungsbereich Politik, Gesellschaft, Medien) moderierte.

Shue warf zu Beginn einen Blick in die chinesische Geschichte. Sie argumentierte, dass vormoderne Konzepte der Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft die heutigen Entwicklungen prägen. Sie schlug vor, die Frage des Podiums umzuformulieren. Staat und Gesellschaft dürften in China nicht als konträre Pole gedacht werden. Im Gegenteil versuche die Partei, „die Kluft zwischen beiden zu überbrücken, indem sie die Gesellschaft mit der Melodie der KPC durchdringt“.

Kontrolle steht im Vordergrund

Stockmann brachte das Publikum zurück ins 21. Jahrhundert. Die Partei habe traditionell immer versucht, eine Balance zwischen einer gewissen Meinungs- und Pressefreiheit und der staatlichen Kontrolle der Medien herzustellen. Unter Xi Jinping sei China jedoch in eine Phase eingetreten, in der die Kontrolle im Vordergrund stehe. In einer 2008 von ihr durchgeführten Meinungsumfrage hätten 20 Prozent der befragten Internetnutzer angegeben, in Online-Debatten über Politik zu diskutieren.

2018 sagten dies nur noch zwei Prozent. Wenn dieser Trend sich fortsetze, stehe die KPC bald vor dem klassischen „Diktatoren-Dilemma“: „Wenn die Repression zunimmt, werden die Menschen nicht mehr ihre Meinung sagen. Und wenn die Führung weniger Informationen darüber hat, was die Menschen denken, wird sie paranoid. Das führt dann zu einem Teufelskreis.“

Ist China der globale Technologieführer?

In der zweiten Diskussion, die von Mikko Huotari moderiert wurde, diskutierten Alicia García-Herrero (Bruegel), André Loesekrug-Pietri (Joint European Disruptive Initiative) und Jeffrey Ding (Universität Oxford) über die Frage, ob China zur global führenden Technologiemacht aufsteigen werde.Ding sagte, er sehe China bereits als Führungsmacht auf diesem Gebiet. Seiner Meinung liegt Chinas wirtschaftliche und technologische Stärke bereits heute direkt hinter den Vereinigten Staaten. García-Herrero war etwas vorsichtiger. Sobald man sich in China außerhalb von Shanghai und anderen entwickelten Regionen umsehe, werde einem klar, dass China als Nation immer noch in der Aufholphase sei. Sie erinnerte das Publikum auch daran, dass die Abhängigkeit des Landes von High-Tech-Importen immer noch einen Engpass für darstelle. In García-Herreros Worten: „Wenn KI der Strom ist, dann hat der Westen immer noch die Kabel.“Die Experten waren sich einig, dass China sich beeile, diese Engpässe zu überwinden, und dass das Land bereits große Produktivitätssteigerungen durch die Digitalisierung erzielt habe. Die „Made in China 2025“ Strategie lege einen starken Fokus auf die inländische Produktion von Halbleitern.

MERICS Konferenz "China's futures"

China macht große Entwicklungssprünge

Auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz geht China sehr strategisch vor, indem es KI als ein Werkzeug für die Anwendung anderer Technologien betrachte. Verglichen mit Chinas früherem staatlich gelenktem Entwicklungsprogramm sei seine KI-Strategie sehr viel flexibler und sehe eine zentrale Rolle für private Unternehmen vor, sagte Ding.

„Mit seinem experimentellen Ansatz macht China große Entwicklungssprünge“, sagte Loesekrug-Pietri. Er beklagte, dass diese zupackende Mentalität in der EU fehle. Die EU müsse klare Ziele für die technologische und digitale Entwicklung formulieren, wenn sie ihren Wohlstand und ihre Werte bewahren wolle, sagte er. García-Herrero stimmte zu, dass westliche Politikansätze oft unzureichend seien. Die Regierungspläne bekräftigen zwar die überragende Bedeutung von Digitalisierung und KI, aber sie vernachlässigten die Pläne zum Aufbau der benötigten Infrastruktur.

EU sollte KI-Strategien koordinieren

Loesekrug-Pietri äußerte drei Empfehlungen: Die EU-Mitgliedstaaten sollten sich untereinander koordinieren statt an ihren nationalen KI-Strategien zu hängen. Sie sollten Koalitionen auch außerhalb der EU schmieden, darunter mit internationalen Technologie-Konzernen. Und sie sollten ihre Kooperationen und strategische Investitionen in Osteuropa stärken.

„Im Moment kommen die Kerntechnologien oder der Code immer noch aus den USA oder aus Europa,“ sagte Ding. Aber alle Akteure seien auf globale Wertschöpfung angewiesen.

„Es ist wichtig, dass wir zwischen Feldern unterscheiden, auf denen wir profitieren können und Feldern, die uns Sorgen machen sollten“, sagte Loesekrug-Pietri. Fast jede Technologie könne sowohl im zivilen als auch im Militär- oder Sicherheitssektor angewendet werden. Dies müsse man im Blick behalten, wenn man den Zugang chinesischer Akteure zu europäischen Märkten reguliere.

MERICS conference "China's Futures"

Soziale Folgen der KI-Entwicklung bereits sichtbar

Technologien sind nach Dings Ansicht wertfrei, entscheidend sei, wie sie angewendet würden. Basierend auf ihrem Verständnis von Bürgerrechten, könnten verschiedene Gesellschaften beispielsweise eine verschieden hohe Fehlertoleranz beim Einsatz von Gesichtserkennungs-Technologie im Strafrecht für angemessen halten.

Die sozialen Folgen von digitaler und KI-Entwicklung seien in China bereits sichtbar, sagte Ding. „Früher brauchte man 200 Leute, um die Aufnahmen der Sicherheitskameras in Xinjiang zu beobachten, heute übernimmt KI die Auswertung.“

Im Anschluss Konferenz lud MERICS zum Abendempfang in das Umspannwerk Alexanderplatz. MERICS-Direktor Frank N. Pieke einen Einblick in die Pläne des Instituts bis 2023. Die Rede zum Nachlesen finden Sie hier. Hier finden Sie die Rede von Michael Schwarz, Geschäftsführer der Stiftung Mercator.

Unter dem Titel „MERICS‘ past and MERICS future“ moderierte Kerstin Lohse-Friedrich, Leiterin der MERICS Kommunikation, eine Gesprächsrunde mit Stakeholdern. Es diskutieren Petra Sigmund, Beauftragte für Ostasien, Südostasien und Pazifik im Auswärtigen Amt, Friedolin Strack, Abteilungsleiter Internationale Märkte, Bundesverband der deutschen Industrie (BDI), Dr. Sabine Stricker-Kellerer, Rechtsanwältin, SSK Asia, München und Kai Strittmatter, Süddeutsche Zeitung.

MERICS conference "China's Futures"
Konferenz "China's Futures" am MERICS Frank N. Pieke Programmhefte MERICS-Konferenz "China's Futures" Vivienne Shue, Kristin Shi-Kupfer, Kai Strittmatter, Daniela Stockmann Vivienne Shue Daniela Stockmann Mikko Huotari, Alicia Garcia-Herrero, Jeffrey Ding, André Loesekrug-Pietri Jeffrey Ding Alicia García-Herrero MERICS Jubiläumsfeier - Abendempfang Michael Schwarz Friedolin Strack, Kerstin Lohse-Friedrich, Petra Sigmund, Kai Strittmatter Besucher der MERICS-Jubiläumsfeier Band Besucher der MERICS-Jubiläumsfeier Wunschbaum