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Lunch Talk mit Didi Kirsten Tatlow

China hat mit 500.000 Schulen das größte Schulsystem der Welt. Auswendiglernen und Wissenswiedergabe in zentralisierten Prüfungen sind Kennzeichen des Systems. Auch aus Sicht mancher chinesischer Eltern wird zu wenig Wert auf individuelle persönliche Entwicklung und aktives Lernen gesetzt. Doch das soll sich ändern: Chinas Bildungsministerium hat nun „Kreativität“ auf die Schulagenda gesetzt, um die nächste Generation fit zu machen für zukünftige Herausforderungen. 

Welche Versuche unternommen werden, um Kreativität und Innovation im chinesischen Schulalltag zu verankern, war am 22. März Thema des Lunch Talks mit MERICS Visiting Academic Fellow Didi Kirsten Tatlow. Die Veranstaltung mit rund 70 Gästen wurde von Kristin Shi-Kupfer moderiert, Leiterin des Forschungsbereichs Politik, Gesellschaft, Medien am MERICS. Tatlow berichtete aus professioneller und persönlicher Sicht über ihre Erfahrungen mit dem chinesischen Schulwesen. Sie arbeitete als Korrespondentin der „New York Times“ mehrere Jahre in China und begleitete ihre eigenen Kinder neun Jahre lang durch dieses System.

Zwischen Kreativität und Innovation

In ihrem Vortrag beschrieb Tatlow verschiedene Herangehensweisen chinesischer Schulen an die „verordnete Kreativität“. Zu Recherchezwecken besuchte sie drei Schulen in Chengdu, die Schülern auf unterschiedlichen Wegen das Finden kreativer Lösungsansätze näherbringen wollten, beispielsweise durch freie Ausübung von traditionellem Papierschnitt oder durch die Einrichtung offener Werkstätten.

Doch die verordnete Kreativität dient in China laut Tatlow klar nutzenorientierten Zielen: Es gehe vor allem darum, Schüler zu befähigen, später im Job zur Innovation von Arbeitsprozessen beitragen zu können. Als einen Beleg für ihre These führte sie an, dass Staats- und Parteichef Xi Jinping in seiner Antrittsrede auf dem 13. Nationalen Volkskongress Anfang diesen Jahres 56 Mal den Begriff „Innovation“ (创新) nannte. Xi sprach auch von „Kreativität“ (创造力) – aber nur zwei Mal. Kreativität ist gewünscht – aber nur in einem vom Staat bestimmten Rahmen.

Kritisches Denken gilt es zu vermeiden

Auch die zunehmende Ideologisierung der Bildung, die allein auf die Partei zugeschnitten werde, spreche dagegen, dass es China mit der Kampagne um Kreativität im Sinne eines Förderns von auch kritischem Denken gehe. Ganz erfolglos werden, so ihr Fazit, die Bemühungen um ein Aufbrechen traditioneller chinesischer Lernraster nicht sein. Doch da bestehende Strukturen nicht hinterfragt und Führungspositionen nicht kritisiert werden dürften, seien Erfolge in Modernisierung und Innovation nur mit großer Zeitverzögerung zu erwarten.

Wie sollen westliche Bildungssysteme sich auf ein erstarkendes China reagieren, das in manchen Fächern im internationalen Vergleich schon länger gut abschneidet? Ein Wettrennen mit China oder gar eine Anpassung an dessen Bildungskonzepte könne hier nicht die Lösung sein, befand Tatlow. Vielmehr sollte sich das deutsche Bildungssystem auf die eigenen humanistischen Werte fokussieren, von denen auch viele chinesische Studierende nach Europa und Nordamerika gelockt würden. Es gelte dennoch offen zu sein und das chinesische Modell genau auf Elemente zu prüfen, die vielleicht nachahmenswert seien. Vorbildhaft findet Tatlow beispielsweise den hohen Stellenwert, den eine gute Bildung und gute Schulleistungen in China genießen. Dieser sei ein großer Ansporn für Schüler und Studierende.