Evolving Made in China 2025
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Made in China 2025

Wie weit China auf dem Weg zu globaler Technologieführerschaft bereits gekommen ist

Als die chinesische Führung vor vier Jahren ihre Industriestrategie Made in China 2025 (MIC25) vorstellte, sorgte sie damit weltweit für Irritationen. Die Blaupause für Chinas Weg zur Industriesupermacht hat auf Seiten ausländischer Unternehmen, Verbände und Regierungen die Sicht auf China verändert. Die Volksrepublik gilt seitdem als systemischer Wettbewerber und nicht länger nur als Partner. 

Made in China 2025 ist zwar inzwischen aus der offiziellen Rhetorik der chinesischen Führung verschwunden. An den Zielen aber hält Beijing fest und setzt die Industriestrategie bereits um: Bis 2025 will China in zehn Schlüsseltechnologien weltweit führende Unternehmen hervorbringen. Bis 2049 soll das Land zur technologischen Supermacht aufsteigen.  

Die beiden MERICS-Autoren Max J. Zenglein und Anna Holzmann charakterisieren Made in China 2025 als Versuch, den hybriden chinesischen Staatskapitalismus zu optimieren. In ihrer Studie „Evolving Made in China 2025: China‘s industrial policy in the quest for global tech leadership“ skizzieren sie, wie Beijing seine Industriestrategie in den vergangenen Jahren immer wieder angepasst, auf Rückschläge reagiert, Pilotprojekte ins Leben gerufen und massiv in Forschung und Entwicklung strategisch wichtiger Industrien investiert hat.

Viele technologische Fortschritte Chinas waren zuletzt nur dank innovativer Privatunternehmen möglich, insbesondere in den Bereichen alternative Antriebstechnologien, Künstliche Intelligenz, Big Data, digitale Bezahlmodelle und Kommunikationssysteme. Im Rahmen seiner Industriestrategie fördert Beijing gezielt die Zusammenarbeit der weiterhin vorherrschenden Staatsbetriebe mit Privatunternehmen.

445 Dokumente, knapp 4000 Pilotprojekte und riesige R&D-Investitionen

Bis Ende vergangenen Jahres hat die chinesische Regierung 445 Dokumente verabschiedet, in denen sie konkrete Maßnahmen und Instrumente der MIC25-Strategie definiert. Welche Summen insgesamt bereits geflossen sind, lässt sich nicht beziffern. Allein im vergangenen Jahr investierte China rund 300 Mrd. USD in Forschung und Entwicklung, dies entspricht fast 2,2 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Beijing kündigte zudem bis Ende vergangenen Jahres knapp 4000 Pilotprojekte zu neuen Technologien an. Im vergangenen Jahr wurden sogenannte Nationale Demonstrationsstädte und -zonen eingerichtet, unter anderem in Ningbo/Provinz Zhejiang. Daraus sind bereits vielversprechende Zentren für intelligente Fertigung hervorgegangen.

Sieben der zehn wichtigsten Batteriehersteller für E-Fahrzeuge stammen bereits aus China

Während chinesische Unternehmen bei traditionellen Hochtechnologien, wie Luftfahrt, Werkzeugbau oder Softwareindustrie, nur mühsam mit ausländischen Wettbewerbern Schritt halten können, zielen sie insbesondere bei intelligenter Fertigung,

Digitalisierung und Zukunftstechnologien auf eine weltweite Führungsrolle. In einigen Bereichen sind chinesische Unternehmen bereits in der Top-Liga angekommen: Sieben der zehn wichtigsten Batteriehersteller für E-Fahrzeuge stammen aus China. Telekom- Unternehmen wie ZTE und Huawei sind bereits führend im 5G-Netzwerkausbau. Gerade diese beiden Unternehmen verdeutlichen jedoch auch, wie abhängig China noch immer von ausländischen Kerntechnologien ist. US-Sanktionen bedrohen ihre Existenz, weil u.a. der Zugang zu Mikroprozessoren versperrt ist.

Fehlendes technologisches Know-how ist Chinas Achillesferse

Die chinesische Regierung drängt ausländische Unternehmen deshalb dazu, die am weitest entwickelten Teile ihrer Wertschöpfungskette nach China zu verlagern. Unternehmen, die dazu nicht bereit sind, wird eine mit Vorzugsbehandlung in Aussicht gestellt, oder China erwägt ihre Übernahme. Insbesondere für sehr begehrte ausländische Unternehmen bietet Chinas Industriestrategie kurzfristig große Chancen, langfristig jedoch auch große Risiken. Denn Chinas Innovationsoffensive dürfte die Wettbewerbsfähigkeit anderer Länder in vielen Hochtechnologien schwächen, und das nicht nur auf dem chinesischen Markt, sondern weltweit.

Deutschland spielt eine Sonderrolle

Kein anderes Land wird in Chinas Innovationsstrategie so explizit genannt wie Deutschland. Zenglein und Holzmann warnen, dass Deutschland Chinas Innovationsoffensive durch zahlreiche Kooperationen in Wirtschaft und Forschung zu bereitwillig stärke. Deutschlands wirtschaftliche Fundamente könnten hierdurch unmittelbar beschädigt werden. Chinas wichtigster Handelspartner in Europa handle noch immer, als seien die beiden Länder nur Partner und nicht auch Konkurrenten. Dabei übersehe Deutschland, dass die intelligente Fertigung ein zentraler Bestandteil der chinesischen Industriestrategie sei. Und hierfür braucht China vorerst noch umfangreiche Technologie-, Industrie- und Innovationskooperationen. Finanziell großzügige Angebote der chinesischen Seite haben Technische Universitäten sowie die großen deutschen Forschungsorganisationen zu wichtigen und willigen Akteuren der Zusammenarbeit gemacht. Dabei werde zu wenig über die Risken eines solchen Engagements geredet, warnen die Autoren.

Zenglein und Holzmann raten dazu, strenge Kriterien für die Zusammenarbeit zu entwickeln, ungewünschten Technologietransfer durch Sicherungsvorkehrungen zu verhindern und auf europäischer Ebene den Informationsaustausch zwischen Unternehmen und Industrieverbänden sowie Regierungen zu fördern und ein gemeinsames Innovationssystem zu entwickeln. Als Vorbilder nennen die Autoren Japan, Südkorea und Taiwan, die sich bereits auf Chinas Industriestrategie eingestellt hätten und einen sehr viel restriktiveren Ansatz gegenüber chinesischen Investitionen und Forschungskooperationen verfolgen.

Sie können die Studie in englischer Sprache hier als PDF herunterladen.

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